Cechovs Flucht

15. Juli 2004, 20:02
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Teil 31 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Unter dem Titel "Kein Kind von Traurigkeit" nimmt Peter Urban, Slawist und Übersetzer Cechovs, zu dessen 100. Todestag Stellung. Die Frage, wer diese Formulierung aufbrachte und weshalb sie immer wieder, obwohl längst unbrauchbar, ins Spiel gerät, sollte zum 15. 7. 2004 nicht die erste sein. Für mich ist sie es - vielleicht eine Randfrage, aber unabweisbar. Sie verträgt keinen Plural, und das spräche für sie, aber das ist schon alles. Auf Cechov angewandt wirkt sie seicht und so leicht eingängig, wie es nicht nur von Tages- oder Wochenblattlesern erwartet wird.

Der schwarze Humor, die Groteske, der Sarkasmus, die bemüht werden, könnten zu der Frage herausfordern, wie man aus drei oder unzähligen Adjektiven ein einziges macht. Zynismus oder nicht, Endzeitparabeln. - Zeit für Cechov, nach Sachalin zu fliehen, wohin er aber gerade in einem Glücks- und Erfolgsmoment aufbricht und nicht nur, weil ihn seine Tuberkulose dazu zwang. "Nebenbei hatte ich die Geduld, eine Zählung der ganzen Bevölkerung Sachalins durchzuführen. Aber im Endergebnis habe ich mir in Sachalin die Nerven verdorben, habe einer Auspeitschung beigewohnt und mit Sträflingen gesprochen." Nach dem Arztdiplom und einer "Geschichte des Medizinalwesens in Russland", die er abbrach, und nach seiner Erzählung "Eine langweilige Geschichte" starb sein Bruder Nikolay an Kehlkopfkrebs.

Peter Urban berichtet, wie abgegriffene Attribute und Adjektive ihn irritierten. "Warum leben wir nicht so, wie wir leben könnten? - Da haben Sie schon den ganzen Cechov." Sein letzter Satz, "ich sterbe", könnte auch eine letzte Beschimpfung seiner Frau gewesen sein. Ein leidenschaftlicher Bordellbesucher, und noch einmal: "Kein Kind von Traurigkeit".

Sicher, man kann schreiben, ohne sich zu fragen, warum man schreibt", beginnt Maurice Blanchot seine anarchischen Bemerkungen über "Die Literatur und das Recht auf den Tod". Und er warnt: "Halt ein! Was weißt du über dich selbst? Warum siehst du nicht, dass deine Tinte keine Spuren zurücklässt, dass du dich zwar frei vorwärts bewegst, aber im Leeren, dass du nur deshalb an kein Hindernis stößt, weil du deinen Ausgangspunkt niemals verlassen hast? Und trotzdem schreibst du, schreibst unaufhörlich, enthüllst mir, was ich dir diktiere, und offenbarst mir, was ich weiß. Nunmehr hast du, was du nicht getan hast, getan; ist, was du nicht geschrieben hast, geschrieben: du bist verurteilt, unauslöschlich zu sein."

Inwiefern einer dieses Urteil als Urteil betrachtet und wie er sich dazu stellt, präzisiert ihn. Anton Cechov fragt schon 1892 verwundert: "Sie brauchen meine Biografie? Da ist sie. Geboren wurde ich 1860 in Taganrog. 1879 beendete ich das Gymnasium in Taganrog. 1884 beendete ich das Studium an der Medizinischen Fakultät der Universität Moskau. 1888 bekam ich den Pukinpreis. 1890 unternahm ich eine Reise nach Sachalin durch Sibirien und zurück übers Meer. Bin in sämtliche Sprachen übersetzt, ausgenommen Fremdsprachen. Übrigens, die Deutschen haben mich schon längst übersetzt. Junggeselle. Möchte eine Pension bekommen. Praktiziere als Arzt so weit, dass ich im Sommer manchmal gerichtsmedizinische Obduktionen vornehme. Unter den Schriftstellern bevorzuge ich Tolstoj, unter den Ärzten Zacharjin. Aber das ist alles Unfug. Schreiben Sie, was Sie wollen. Wo keine Fakten sind, ersetzen Sie sie durch Lyrik."

Zuletzt, mit dem Blick auf den Tod in Badenweiler, noch einmal Maurice Blanchot: "Der Tod, der sich ankündigt, lässt mich erschauern, da ich nunmehr gewahre, was er in Wirklichkeit ist: nicht mehr Tod, sondern die Unmöglichkeit zu sterben."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 7. 2004)

  • Anton Cechov in den 1880er-Jahren
    foto: diogenes

    Anton Cechov in den 1880er-Jahren

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