Musikrundschau, Schwerpunkt Österreich

21. Juli 2004, 20:32
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Neues von Matt Boroff, The Beautiful Kantine Band, The Seesaw, Martin Siewert, Der Schwimmer, Peekaboo und Funkalicious

MATT BOROFF
Same
(www.lo-end.com)
Die wahrscheinlich beste neue Band des Landes hört auf den Namen ihres musikalischen Vorstandes: Matt Boroff. Zusammen mit einem deutschen Bassisten und einem aus Boroffs Wahlheimat Vorarlberg stammenden Drummer schiebt man hier ein (titelloses) Debüt aus der Hüfte, das einem die Kinnlade erst einmal auf Kniehöhe befördert. Die krachende, sich beständig von woanders nähernde Gitarre und eine nach vorne preschende Rhythmusabteilung verleihen der extrem dichten und dabei locker bleibenden Produktion jene virile Räudigkeit, die großen Rock immer ausgemacht hat: vom König Elvis bis zu Bands wie Nirvana, in deren Vorprogramm Boroff einst mit seinem früheren Outfit, der Formation Planet Dread, gespielt hat. Neben der Wildheit überzeugt Matt Boroff auch in ruhigeren Stücken, in denen das Trio die berührende Intimität des American Music Club beschwört. Einziger Kritikpunkt: das Cover. Daran muss der Mann mit dem Oberlippenpelz noch arbeiten lassen. Erinnert es doch eher an einschlägige Lounge-Langeweiler in Fotopose für Muttis 50. Geburtstag. Ansonsten - liebe Leute: Hört euch das dringend an. Ein Traum! Vielleicht meldet sich dann noch ein hochnotwendiger Vertrieb (Hallo, Herr Drobil!) für dieses exzellente Debüt - und eine Clubtour wünschen wir uns auch ganz, ganz fest.

THE BEAUTIFUL KANTINE BAND
Rock 'n' Roll hat unserem Leben einen neuen Sinn gegeben
(Wohnzimmer Records)
Charmanten Tankstellen-Espresso-Rock in klassischer 60er-Jahre-Garagenbesetzung präsentiert die Beautiful Kantine Band aus dem Burgenland. Das Schlagzeug schlägt stur die Eins, der Gesang bemüht sich ebenso geradlinig um Damenherzen, und als Reverenz an die musikalische Lieblingsform covert man fanatisch wie linientreu Johnny and The Hurricanes. Zeitlos also und gewissermaßen die spezifischere Fortsetzung des Werks der dahingegangenen Tanz-das-Vorstadt-Elend-Formation Der Scheitel.

THE SEESAW
Generation Love
(Wohnzimmer Records)
Ein Song wie die Eröffnungsnummer Easy von den Salzburger Qualitätsgaranten in Sachen Gitarrenpop, The Seesaw, könnte locker auf einem Supergrass-Album sein, ohne negativ aufzufallen: ein eingängig geklimpertes Piano, dazu druckvolle Gitarren und ein Gesang, der spürbar als Ventil für den Druck dient, den das Feuer in Sänger Stootsies Herz verursacht. Und das Beste daran - das bleibt so! Auf Albumlänge. Anders gesagt: The Seesaw haben pro Song mehr Ideen, als sich auf den letzten 20 Oasis-Alben zusammen ausmachen ließen. Wobei, das geht fast zu leicht. Egal: das bislang beste, ausgefeilteste und konstanteste Werk der drei Mannen aus der Regenstadt. Und für den Albumtitel sei hier am Ende noch eine Träne der Rührung eingestanden.

MARTIN SIEWERT
No Need To Be Lonesome
(Mosz/ www.mdos.at)
Der schon seit einigen Jahren in Wien arbeitende Deutsche Martin Siewert gilt als umtriebige Figur in der eher experimentell angehauchten Elektronikszene. Abseits der dort oft üblichen Machbarkeitsstudien zum eigenen kleinen Pläsierchen begibt Siewert sich auf No Need To Be Lonesome, dem zweiten Album des aus dem Umfeld des Wiener Szenelokal Rhiz stammenden Labels Mosz, auf vergleichsweise poppiges Terrain. Trotzdem bleibt er dabei seiner "Sprache" treu und steuert einschlägig bekannte Störgeräusche der Laptop-Hausmarke in seine Kompositionen. Doch wenn dazu Gäste wie Radian-Drummer Martin Brandlmayr mitrühren oder Werner Dafeldecker am Bass "rockt", wird's richtig aufregend in der Hornbrillendisco.

DER SCHWIMMER
Perfect Sunday
(Trost/ www.substance.at)
Der Schwimmer ist Klaus Tschabitzer samt Freunden, und der gilt innerhalb der Wiener Stadtmauern als eines der "best kept secrets". Auch die was weiß ich wievielte Veröffentlichung dieses schaffensfrohen Wahlwieners verströmt wieder verschwenderisch jenen Charme, für den wir den Mann nicht wieder an die Steiermark zurückgeben würden: Auf Basis von Keyboards samt Rhythmen daraus präsentiert Der Schwimmer seine exotisch klingenden Kleinode. Exotisch meint hier die Werke des Beastie Boys Keyboarder Money Mark oder die des Neuseeländer Low-Fi-Gotts Chris Knox und nicht Club-Medsche Strandanimations-Muzak. Also eher Gastgartenbräune in Odessa als Nahtlosigkeit in der Dominikanischen Republik. Mit Midgets, das Tschabitzer im Zwiegesang mit Vera Kropf gibt, gelingt dem Schwimmer sogar so etwas wie ein kleiner Hit.

PEEKABOO
Seriously Kidding
(Homebase Rec./ www.peekaboo.cd)
Peekaboo sind ein von Wien aus agierender Vierer, der sich eine beachtliche Live-Reputation erspielt hat. Auf dem eben veröffentlichten Album Seriously Kidding weichen die auf der Bühne spürbaren kantigeren Elemente der Power-Pop-Formation jedoch zu sehr einem Gleichklang, in dem dann auch noch das Keyboard stellenweise arg nervt - oder, am Ende des vierten Stücks, Professionally Young - gar plump als schon hundertmal gehörter Staubsauger auftaucht. Dennoch blitzt im Albumverlauf immer wieder ein sicherer Instinkt für Melodien und klassischen Pop auf, der unter den richtigen (Produktions-)Händen adäquat erblühen könnte.

FUNKALICIOUS
Perfekta
(Crater8/Rebeat)
Ihrem Namen nur partiell entsprechend pflügen sich die vier Jungs von Funkalicious auf ihrem Debüt Perfekta weniger durch Bereiche des Funk, sondern hauptsächlich durch harten Rock. Mit Brüllgesang und genreeigener Snare-Dögelung, wie man sie auch schon woher kennt, gibt man nicht ganz klischeefrei den wilden Hund. Immerhin taucht relativ früh am Album ein Bekenntnis zum Popsong auf, nämlich in Prophecy, dem man allerdings nicht weiter nachgeht. Die Mission führt anderswohin. Satt produziert und schnörkellos heimgefahren offenbart sich in Folge ein geschlossenes Werk, das eigentlich nicht viel falsch macht. Doch es fehlt, bei aller Spiellaune, das Überraschungsmoment, das Unerwartete, das die Aufmerksamkeit stärker ans Album binden würde. Zugegeben: Geschwindigkeit berauscht auch. Dennoch würde hin und wieder ein Kollisionskurs gegen die eigene Linie die spannenderen Ergebnisse zeitigen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 7. 2004)

Von
Karl Fluch

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