In Österreichs Firmen wird "geschnüffelt"

10. August 2004, 16:05
22 Postings

Mit spezieller Software können Unternehmen das Tun ihrer Mitarbeiter am PC leicht überwachen - Einem Anbieter zufolge setzt das Bundeskanzleramt derartige Tools ein

Für die SPÖ könnte es "einer der größten Datenschutzskandale in Österreich" sein, für das Bundeskanzleramt sind die Vermutungen "nicht nachvollziehbar". Das Softwareunternehmen beharrt: "Es ist korrekt, dass das österreichische Bundeskanzleramt unser Referenzkunde ist."

"Anrüchig"

Ausgelöst wurde die Frage, ob im österreichischen Bundeskanzleramt Mitarbeiter via Schnüffelsoftware ausspioniert werden, durch einen Artikel der deutschen Computerwoche über Spyware. Erwähnt wird darin auch das in Saarbrücken ansässige Unternehmen Protectcom und dessen Geschäftsführer Carsten Rau, das Programme wie "Orvell" betreibt, mit dem Außenstehende nahezu alles erfassen können, was an einem PC geschieht: "Anrüchig ist die Spionagesoftware aus Sicht von Rau auch deshalb nicht, weil inzwischen neben Privatkunden immer mehr Unternehmen, Behörden und offizielle Stellen wie das österreichische Bundeskanzleramt derartige Tools kaufen und einsetzen", lautet der Satz, der die SP hellhörig werden ließ und zu einer Presseaussendung und entsprechenden Anfrage an die verantwortlichen Stellen veranlasste.

Dementi des BKA

Die Replik des Bundeskanzleramts ließ nicht lange auf sich warten: "Das Bundeskanzleramt hat weder derzeit noch hatte es in der Vergangenheit Produkte der Firma Protectcom im Einsatz." Protectcom sieht das anders: "Das BKA ist unser Referenzkunde, es hat schriftlich zugestimmt, von uns erwähnt zu werden", so Pressesprecher Michael Berg zum Standard. "Es ist möglich, dass wir einmal auf ein Angebot reagiert und uns ein Ansichtsexemplar haben schicken lassen, in Einsatz hatten wir es aber nicht", dazu die Erwiderung von BKA- Präsidialchef Manfred Matzka.

Licht

Ob oder ob nicht, wird die Anfrage an den Bundeskanzler ans Licht bringen. Oder auch nicht. Tatsache ist jedenfalls, dass Schnüffelsoftware vermehrt von Unternehmen eingesetzt wird. Auch hierzulande. "15 Prozent unserer Umsätze machen wir in Österreich", bestätigt Protectcom- Pressesprecher Berg. Darunter befänden sich auch sehr namhafte Unternehmen.

"Höchsten Gefährdungsklasse"

Die Computerwoche gibt die Angaben eines Herstellers wieder, demzufolge mehr als 85 Prozent aller deutschen Unternehmen mit Spionageprogrammen infiziert sein sollen. Einzuräumen ist allerdings, dass nur sieben bis acht Prozent der Programme zur "höchsten Gefährdungsklasse" gehören.

Cookies

Das Gros der Schnüffler stellen demzufolge Cookies dar, die aufzeichnen, wann ein User welche Webseiten besucht und welche Inhalte er dabei aufruft. Einen Schritt weiter geht so genannte Adware, also mittels Werbung finanzierte Programme. Diese sammeln Daten über das Surfverhalten der User und verkaufen diese Informationen an Werbekunden weiter.

Zur gefährlichsten Spyware-Kategorie zählen Tools wie Orvell von Protectcom. Diese können fast alle Aktivitäten an einem PC überwachen und dokumentieren. Ihr Einsatz muss laut EU-Datenschutzrichtlinie den Betroffenen zwar angekündigt werden, "doch die Erfahrung zeigt, dass die Mitarbeiter das auch wieder vergessen", sagt Protectom-Mann Berg.(Karin Tzschentke, DER STANDARD Printausgabe, 15 Juli 2004)

  • Artikelbild
Share if you care.