Österreichischer Sozialhistoriker mit hochdotiertem deutschem Preis ausgezeichnet

16. Juli 2004, 20:10
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Michael Mitterauer verfasste Buch "Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs"

Wien - Der österreichische Sozialhistoriker Michael Mitterauer (67), emeritierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien, erhält für sein Buch "Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs" und sein Lebenswerk den mit 30.000 Euro dotierten deutschen Historikerpreis. Dies teilte die Uni Wien am Montag in einer Aussendung mit. Die Auszeichnung wird am 26. November durch den deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler in München übergeben.

Der Preis

Vergeben wird der Preis seit 1983 von der "Stiftung Historisches Kolleg" mit Sitz in München. Gewürdigt wird damit das wissenschaftliche Gesamtschaffen eines Historikers. Die Grundlage des Preises bildet ein inhaltlich und sprachlich herausragendes Werk, das wissenschaftliches Neuland erschließt. Frühere Preisträger waren unter anderem Historiker wie Arno Borst (1986), Reinhart Koselleck (1989), Thomas Nipperdey (1992), Johannes Fried (1995) oder Jan Assmann (1998).

Die Besonderheiten Europas

In "Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs" analysiert Mitterauer die bis in das Frühmittelalter zurückführenden Besonderheiten Europas im interkulturellen Vergleich mit der islamischen Welt oder mit China. In sieben Kapiteln werden die Erfolgsgeschichte Europas anhand von Ackerbau, Herrschaftsordnungen, Religion, Kommunikationsformen, Familien- und Verwandtschaftssystemen aufgezeigt.

Werdegang

Mitterauer wurde am 12. Juni 1937 in Wien geboren. Sein Geschichtsstudium schloss er 1960 mit der Promotion sub auspiciis praesidentis ab. Nach Forschungsaufenthalten etwa in München habilitierte er sich 1968 an der Uni Wien, 1971 wurde ebendort als Extraordinarius berufen. 1973 wurde er ordentlicher Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, seine Forschungsschwerpunkte sind historische Familienforschung, Geschichte der Jugend, Geschichte der Arbeitsteilung, mittelalterliche Markt- und Stadtgeschichte sowie Geschichte der Land- und Reichsstände.

Mitterauers frühe Forschungen widmeten sich noch der Geschichte von Adelshäusern und Potentaten, so lautet der Titel seiner ersten Publikation "Slawischer und bayerischer Adel am Ausgang der Karolingerzeit" (1960). Später wandte sich sein Interesse immer mehr den "einfachen Leuten" zu, deren spezifischen Problemen und Krankheiten, ein damals beinahe revolutionäres Geschichtsbild. Im Mittelpunkt stehen daher immer wieder Familienbeziehungen, andere Forschungen drehen sich etwa um Beziehungen Bauern-Gesinde oder um Arbeiter. Auch Frauenforschung scheint in der Publikationsliste Mitterauers auf, so etwa die Probleme lediger Mütter.

Quellen der Geschichtsschreibung

Der Historiker dehnte seine Forschungen immer mehr in die Gegenwart aus, oft setzte er dabei "Oral History" ein, also die Befragung von Zeitzeugen. Darüber hinaus ortete er auch persönliche Aufzeichnungen von Mitgliedern städtischer und ländlicher Bevölkerungsgruppen als Geschichtsquelle. Seit 1983 erscheint unter dem Titel "... damit es nicht verloren geht" eine eigene Reihe solcher autobiografischer Texte, die nicht dem Interesse an der großen Persönlichkeit entspringen, sondern am Leben der Dienstboten, Bauern und Arbeiter.

Stark engagiert hat sich der Historiker beim Aufbau seines Fachs in Mittel- und Osteuropa. Engen Kontakt hält er auch zu den Balkanländern, einem Gebiet, das er auch schwerpunktmäßig in seinen Forschungen beleuchtet, etwa die Familienstrukturen im Balkan.(APA)

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