Wahala und Graupner kritisieren Berichterstattung

16. Juli 2004, 21:53
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"Heuchelei liberaler Medien" - "Scheinheiligkeit der konservativen Geistlichkeit"

Wien - Scharfe Kritik an der medialen Berichterstattung über sexuelle Kontakte zwischen angehörigen des St. Pöltner Priesterseminars übte am Montag die Österreichische Gesellschaft für Sexualforschung (ÖGS). Die dabei an den Tag gelegte "Heuchelei liberaler Medien" sei ebenso unerträglich wie die "Scheinheiligkeit der konservativen Geistlichkeit", heißt es dazu in einer Aussendung.

"Nicht die sexuellen Beziehungen sind der Skandal, sondern die Heuchelei der katholischen Kirchenmänner, die exzessiv betreiben, was sie nach außen verdammen", so der Wiener Psychotherapeut und Vorsitzende der ÖGS, Johannes Wahala, vor einigen Jahren selbst von Erzbischof Christoph Schönborn wegen seines Eintretens für die Rechte gleichgeschlechtlich lebender und liebender Menschen seiner Pfarren enthoben. "Diese katholische Doppelmoral zieht sich wie eine Blutspur durch die europäische Geschichte, von den heftig lodernden Scheiterhaufen des Mittelalters bis zu den erhöhten Selbstmordraten lesbi-schwuler Jugendlicher heutiger Zeiten."

"Abartig" und "pervers"

Die mediale Berichterstattung über den "Fall St. Pölten" beinhalte allerdings kaum etwas von dieser Doppelmoral und Heuchlerei oder gar ihren ungezählten Opfern. "Stattdessen werden homosexuelle Intimitäten als 'abartig' und 'pervers' ausgeschlachtet, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare - ansonsten von der Kirche (zurecht) gefordert - als 'besonders delikate Attraktion' und 'zynische Verächtlichmachung der Lehre' niedergemacht und das freizügige homosexuelle Leben der Seminaristen als 'offene Perversionen' gebrandmarkt", so Wahala.

"Sexualität ist ein Menschenrecht und Geistliche sind davon nicht ausgenommen", sagt der Wiener Rechtsanwalt und Co-Vorsitzende der ÖGS, Helmut Graupner, der auch Präsident der Homosexuellen-Bürgerrechtsorganisation Rechtskomitee LAMBDA ist. "Abartig und pervers ist nicht, dass sie dieses Menschenrecht in Anspruch nehmen; abartig und pervers ist, dass sie es anderen verwehren wollen", betonte Graupner.

"Redetabus"

"Über das Leiden der Menschen, denen die Vertreter einer rigiden katholischen Sexualmoral die Liebe und sogar den Empfang des Abendmahls verbieten, liest man gegenwärtig herzlich wenig; auch das Leid, die verborgene Sexualität und die unendliche Einsamkeit katholischer Geistlicher, die ihre Liebe nicht leben dürfen, wird mit Redetabus belegt", sagte die Wiener Psychoanalytikerin und ebenfalls ÖGS-Co-Vorsitzende, Rotraud Perner, "Stattdessen erregt sich die Presse über Bilder von innig küssenden Seminaristen und alteriert sich über einverständliche 'Sexspiele' erwachsener Männer", so Perner weiter.

Und: es sei "erschütternd und bezeichnend zugleich, dass die Einleitung von Ermittlungen wegen des Verdachtes von Kinderpornografie zu keinem Rücktritt geführt haben, nun aber, wo es um einvernehmliche Sexualität zwischen erwachsenen Männern geht, zahlreiche Rücktritte erfolgen, die die Diözese St. Pölten ins Chaos stürzen", sagte Graupner.(APA)

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