Wir fahren auf der Datenautobahn

18. Juli 2004, 20:51
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Autofahren wird immer stärker eine Frage der Technologie: Verkehrstelematik etwa gilt als das geeignete Mittel gegen Stau und Unfall. Ein Überblick über aktuelle Forschungsarbeiten

Stau ist lästig, Stau ist gefährlich, Stau ist teuer, und: Stau findet immer öfter statt, weil Autos immer mehr werden. Die Schlüsseltechnologie im Kampf gegen den Stau heißt Verkehrstelematik, eine im Grunde noch junge Disziplin, die aber schnell an Bedeutung gewinnt: Inzwischen kann man Verkehrstelematik studieren, etwa am Technikum Wien oder an der Donau-Universität in Krems, inzwischen werden Geschäftsmodelle entwickelt, und vor allem wird daran gearbeitet, wie technisch und wirtschaftlich sinnvolle Anwendungen überhaupt funktionieren können.

Worum es geht: Verkehrsrelevante Informationen möglichst schnell in das Auto zu bringen, um einerseits möglichst viele Autos möglichst lange in Bewegung zu halten und andererseits das Sicherheitsniveau auf den Straßen zu heben. Eine aufwändige und daher auch kostspielige Variante wird von der Asfinag realisiert: Die Errichtung von Verkehrsbeeinflussungsanlagen (VBA). Informationsbrücken an belasteten Autobahnstrecken messen mittels Sensoren permanent Daten wie Anzahl der Autos, Wetterlage oder auch Emissionswerte, senden diese in die Zentrale nach Wien-Inzersdorf, wo die ideale Geschwindigkeit errechnet wird, die dann als Tempolimit zurückgesendet wird. Den Anfang macht Tirol, wo die ersten VBAs bereits stehen, bis 2008 sollen die am stärksten frequentierten Autobahnabschnitte Österreichs versorgt sein. Jährliches Investitionsvolumen: 30 Millionen Euro. Asfinag-Sprecher Marc Zimmermann: "Erfahrungen in Deutschland oder Holland zeigen, dass auf diese Weise die Kapazität der Straßen um zehn bis 15 Prozent erhöht werden kann, Verkehrsunfälle um bis zu 35 Prozent reduziert werden können."

Fixe Sensoren - ob in der Straße (Induktionsschleifen) oder über der Straße (Infrarot, Radar, etc.) - sind nur eine Möglichkeit, Verkehrsdaten zu gewinnen. An einer anderen arbeitet das Forschungszentrum Arsenal Research: Floating Car Data (FCD). Dabei werden die Autos zu mobilen Sensoren. In einem Pilotprojekt mit der Taxiflotte 31300 liefern 200 mit GPS ausgerüstete Fahrzeuge über den internen Betriebsfunk permanent ihre Position, dazu kommen die Start- und Zielkoordinaten von weiteren 600 Taxis. Das reicht, um mit dem von Arsenal Research entwickelten Verkehrsanalysesystem Fleet alle 15 Minuten ein Bild über die Verkehrslage in Wien zu liefern.

"Damit können wir einen Service anbieten, den es bisher nicht gab", meint Dietrich Leihs, Leiter des Geschäftsfeldes Verkehrstechnologien. Und weiter: "Sie garantieren die schnellsten Routen und exakte Reisezeiten." Die Herausforderung liegt in der Berechnung und Prognose, weil dazu mathematische Modelle wie Zeitreihenanalysen, neuronale Netze und Fuzzy Logic notwendig sind.

Noch komplexer ist der nächste Schritt: Nämlich dynamische FCD- mit stationären Sensordaten zusammenzuführen, gemeinsam auszuwerten und noch bessere Prognosen zu erstellen. "Sensoren liefern quantitative Daten, wo der Stau ist, Floating Car Datas liefern qualitative Daten, wie sich ein Stau in der Umgebung auswirkt."

Digitaler Kopilot

Die Rechenaufgabe wird dadurch freilich nicht einfacher. Ein weiteres Forschungsprojekt von Arsenal Research beschäftigt sich mit der Entwicklung eines digitalen Kopiloten. Roncalli-telematics bringt verkehrsrelevante Information über einen im Grunde simplen PDA mit Mobilfunkschnittstelle direkt in das mit Satellitennavigation ausgestattete Auto, und zwar punktgenau und in Echtzeit: Informationen über Tempolimits und deren Überschreitung (Intelligent Speed Adaption), über Straßenabschnitte mit besonders großer Unfallhäufigkeit oder über den Straßenzustand, der mit einem eigenen Forschungsfahrzeug erhoben wird. Auf diese Weise ebenfalls vorstellbar und beispielsweise in Schweden bereits in Erprobung: Tempolimits könnten über interaktive Verkehrszeichen oder aus einer zentral verwalteten Datenbank direkt auf ein aktives Gaspedal im Auto wirken. Ein Pilotprojekt mit drei Fahrzeugen des öffentlichen Dienstes in Klosterneuburg wird Ende Juli abgeschlossen, im Herbst soll ein weiteres im Süden von Wien gestartet werden. Innerhalb dieses Projekts wird außerdem an einem zentralen Marktplatz für Verkehrsdaten gearbeitet. "Das Problem ist", sagt Peter Maurer, Leiter des Geschäftsfeldes Verkehrswege, "dass zahlreiche Daten zwar vorhanden, aber nicht zentral verfügbar sind, sowohl im Bereich der öffentlich Hand als auch bei privaten Unternehmen."

Um einen solchen Marktplatz errichten zu können, braucht es erstens einheitliche Schnittstellen und Formate, und zweitens entsprechende Geschäftsmodelle. "Wir wissen", so Maurer, "dass der Autofahrer solche Angebote zwar schätzt, aber nur sehr wenig bis nichts bezahlen will." Deshalb werden erste Verkehrstelematik-Anwendungen auch im Business-to-Business-Bereich stattfinden. (Markus Honsig/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 7. 2004)

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