Tadic-Angelobung am Srebrenica-Jahrestag

12. Juli 2004, 21:23
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Neuer serbischer Präsident entschuldigt sich - Als Präsident werde er in den nächsten fünf Jahren für innenpolitische "Stabilität" sorgen

Ein "protokollarischer Schönheitsfehler" verärgerte Boris Tadic, den ersten demokratisch gewählten Präsidenten Serbiens: Seine Angelobung am Sonntag fiel exakt auf den Jahrestag des Massakers in Srebrenica, bei dem vor neun Jahren bosnisch-serbische Streitkräfte mehr als 7000 moslemische Zivilisten hingerichtet und rund 30.000 deportiert hatten. Tadic entschuldigte sich wegen des "Versehens".

Präsident Boris Tadic, ein Mann, der das bürgerliche, proeuropäische Serbien repräsentiert, zeigte sich bei seiner Angelobung ernst und staatsmännisch: Als Präsident werde er in den nächsten fünf Jahren für innenpolitische "Stabilität" sorgen und die "europäischen Integrationsprozesse Serbiens vorantreiben", versprach er. Den Mut, heikle Themen wie die Auslieferung von mutmaßlichen Kriegsverbrechern oder Vergangenheitsbewältigung zu erwähnen, fand er allerdings nicht.

Im Parlament erschienen die 82 Abgeordneten der ultranationalistischen Radikalen Partei, deren Kandidat Tomislav Nikolic bei der Stichwahl gegen Tadic unterlegen war, nicht in dunklen Anzügen mit dezenten Schlipsen, wie ihre Kollegen aus anderen Fraktionen. Sie trugen weiße T-Shirts mit dem Porträt ihres im Gefängnis des Haager Tribunals eingesperrten Führers, Vojislav Seselj. Jeder sollte wissen, wer die stärkste Partei in Serbien ist.

Während der Angelobung wimmelte es nur so von diversen Waffengattungen der Polizei im Zentrum Belgrads: Verkehrspolizisten, Spezialeinheiten, Gendarmerie, Garde bewachten jede Kreuzung, jeden Baum im Park vor dem Präsidentenpalast. Der Verkehr in der City war blockiert, Sirenen heulten in der Stadt, die Autobahn zum Flughafen war teilweise gesperrt, damit Vertreter der Nato, OSZE und Staatsgäste aus rund vierzig Staaten wie die österreichische Außenministerin Benita Ferrero-Waldner, zügig zur Angelobung des serbischen Präsidenten kommen können.

Tadic ist der dritte Präsident Serbiens seit dem das demokratische Wahlsystem in Serbien 1990 eingeführt worden ist. Seinen zwei Vorgängern, Slobodan Milosevic und Milan Milutinovic, wird vor dem UNO-Tribunal in Den Haag der Prozess wegen Kriegsverbrechen gemacht. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.7.2004)

Von
Andrej Ivanji aus Belgrad

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    Tadic küsst bei der Angelobung die Nationalflagge

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