Gesucht: Kommandant für eine Himmelfahrt

26. Juli 2004, 15:55
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Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel lehnten dankend ab - Lothar Matthäus wird langsam aber sicher zum Thema

Schuld ist Gerhard Schröder. Vielleicht auch ein bisschen Angela Merkel und Edmund Stoiber. Deutsche Bundestrainer passen in der Regel zu deutschen Spitzenpolitikern. Aber welcher Fußballlehrer geht das Risiko ein, nach dem Amtsantritt vom deutschen Feuilleton mit dem Pseudo-Sozialdemokraten Schröder verglichen zu werden. So viel kannst du mit einem Nationalteam nicht gewinnen, dass der Vergleich sicher macht. Und derzeit kann kein Mensch mit den deutschen Elitekickern etwas gewinnen.

Am Wochenende hat Otto Rehhagel (65) abgesagt, er will seinen Vertrag mit dem griechischen Team, das er zum EM-Titel 2004 führte, bis zur WM 2006 in Deutschland erfüllen. Vor ihm wollte schon Ottmar Hitzfeld, der Bayern München und Dortmund zum Sieg in der Champions League führte, den Job nicht.

Wie schwer die Aufgabe der "Findungskommission" des deutschen Fußballverbandes ist, zeigt der historisch-kritische Vergleich. Norbert Seitz beschrieb zuletzt in seinem Buch "Doppelpässe" die symbolischen und personellen Analogien von Sport und Politik. Beispielsweise zwischen dem autoritären Konrad Adenauer und dem schon im Dritten Reich als Nationaltrainer tätigen "Chef" Sepp Herberger. Zwischen den liberalen Willy Brandt und Helmut Schön. Nach ihnen die reaktionäre Wende, sozusagen, mit Helmut Kohl und "Häuptling Silberlocke" Jupp Derwall, der vom stets eingeschnappten Berti Vogts nachgefolgt wurde. Gar nicht zu reden von dem Wiedervereinigungsgewinnler Kohl ("blühende Landschaften im Osten") und dem WM-Sieger 1990, Franz Beckenbauer. Wenn man will, kann man das Spiel auch auf Österreich ausdehnen, auf den ÖFB-Teamchef Hans "Hand aufs Herz" Krankl und Wolfgang "wer, wenn nicht er" Schüssel.

Beckenbauer prophezeite 1990, die Deutschen würden dank der vereinigten Kraft von Ost und West auf "Jahrzehnte hinaus unschlagbar sein". 2002 waren sie Fußball-WM-Vizeweltmeister. Nach dem blamablen Ausscheiden aus der EM-Endrunde 2004 und dem Rücktritt von "Tante Käthe" Rudi Völler findet sich kein halbwegs glaubwürdiger Fachmann, der für vier bis fünf Millionen Euro Schmerzensgeld das Team betreut.

In der Süddeutschen wurde Arnold Schwarzenegger als Kandidat genannt, um den Ernst der Lage zu skizzieren. Was weiß man, in Graz haben sie nach dem Gouverneur von Kalifornien und Verfechter der Todesstrafe ein Fußball-Stadion benannt. Lothar Matthäus, der Extrainer von Rapid, wäre wahrscheinlich die Idealbesetzung für alle Gegner der deutschen Truppe, das dämmerte sogar Beckenbauer, dem Chef der Findungskommission, am Sonntag in der ARD-Sportschau: "Ich bin überzeugt, wenn wir uns in den nächsten Tagen treffen, wird Lothar Matthäus ein Thema sein". Matthäus selbst ist noch nicht kontaktiert worden. Deshalb muss er sich auch noch keine Gedanken machen. Am 18. August spielen die Deutschen jedenfalls in Wien gegen Österreich. (DER STANDARD, Printausgabe, 12. Juli 2004, Kommentar, KOPF DES TAGES, Johann Skocek)

  • Der deutsche Bundestrainer, so eine Art Marken-Eiche auf zwei Beinen.

    Der deutsche Bundestrainer, so eine Art Marken-Eiche auf zwei Beinen.

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