Im Wortlaut: Die Predigt von Kardinal Schönborn

12. Juli 2004, 17:40
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  • "(...) Darf ich Dich, lieber Freund, in dieser Stunde persönlich ansprechen? Auch wenn uns der Tod äußerlich getrennt hat, so sagt uns der Glaube, der uns gemeinsam ist, dass wir über den Tod hinaus verbunden sind, tiefer, weil in Gott und durch Gott verbunden. Du lebst, das ist unser fester Glaube.

  • (...) Spätestens heute, da so viele höchste Verantwortungsträger aus der ganzen Welt gekommen sind, um Dir das letzte Geleit zu geben, wird unserem Land bewusst, wie viel Du für es getan hast, wie hoch die Wertschätzung für Dich war und ist.

  • (...) Schmerzlich und beschämt stellen wir fest, dass auch für Dich das recht österreichische Geschick galt, erst nach dem Tod jene Anerkennung zu finden, die Dir anderswo schon längst zu Teil geworden ist. Umso mehr gelte Dir heute und weiterhin der Dank Österreichs, unser aller Dank. Dein Amt hat Dich ganz in eine Öffentlichkeit gestellt, in der es kaum eine Privatsphäre gab. Das wurde deutlich in der Zeit deiner schweren Erkrankung, besonders aber in den Schwierigkeiten in Ehe und Familie.

  • (...) Wie so viele Menschen heute bist Du mit den Deinen durch die schmerzliche und schwierige Erfahrung des Zerbrechens und des Neubeginns von Beziehungen gegangen, alles aber noch erschwert durch das Vergrößerungsglas der Öffentlichkeit. Es steht uns nicht zu, zu urteilen und zu richten.

  • (...) Die Haltung der Kirche in dieser Frage hast Du respektiert, auch wenn es Dir nicht leicht fiel. Es fällt ja auch der Kirche nicht leicht, den rechten Weg zwischen dem unbedingt notwendigen Schutz für Ehe und Familie einerseits und der ebenso notwendigen Barmherzigkeit mit dem menschlichen Scheitern anderseits zu finden. Vielleicht ist Dein Tod, lieber Freund, Anlass, uns alle gemeinsam mehr um beides zu bemühen, im Wissen, dass beides notwendig und beides nicht einfach ist.

  • (...) Dem Schutz Marias hast Du Dich von Kindheit an anvertraut. So tue ich es auch heute, für Dich und mit allen, die sich dem anschließen wollen: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.7.2004)
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