Chefredakteur des russischen "Forbes"-Magazins in Moskau erschossen

19. Juli 2004, 17:04
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Keine heiße Fahndungsspur - Oligarch Beresowski gibt dem Enthüllungsjournalisten Teilschuld

Nach dem Mord am Chefredakteur der russischen Ausgabe des US-Wirtschaftsmagazins "Forbes", Paul Klebnikow (Chlebnikow), fehlte der Polizei bis zum Sonntag noch eine heiße Spur bei der Fahndung. Mehrere Täter hatten den 41-jährigen Amerikaner russischer Herkunft am Freitagabend vor dem zu Axel Springer gehörenden Verlagshaus im Norden Moskaus erschossen. Klebnikow spürte seit Jahren kriminellen Kontakten zwischen Großindustriellen und der Staatsführung nach.

Gefährliches Land für Journalisten

Die mutmaßliche Auftragsmord an Klebnikows löste international Entsetzen aus. Russland bleibe ein gefährliches Land für Journalisten, schrieb die Organisation "Reporter ohne Grenzen" in Paris. In Russland wurden im vergangenen Jahr mindestens acht Journalisten ermordet aufgefunden.

Nach ersten Erkenntnissen war aus einem vorbeifahrenden Auto vom Typ Lada auf Klebnikow geschossen worden. Im Sterben sagte der Journalist, er wisse nicht, weshalb auf ihn geschossen wurde und wer das getan haben könnte. Die Ermittler vermuten Klebnikows Tätigkeit als Motiv für die Tat. Die Polizei stellte am Samstag das von den Tätern abgestellte Auto sicher. Klebnikow ist der erste westliche Journalist, der in Russland einem Auftragsmord zum Opfer fiel.

Steve Forbes: "Paul war ein exzellenter Reporter"

Der promovierte Historiker Paul Klebnikow, im Russischen Pawel Chlebnikow, galt als einer der besten Kenner der Machenschaften von Staat, Großunternehmern und Organisierter Kriminalität unter Ex-Präsident Boris Jelzin Ende der 1990er Jahre. Sein Werk "Der Pate des Kreml" über dubiose Geschäfte Boris Beresowskis und anderer Oligarchen sorgte international für Aufsehen. "Paul war ein exzellenter Reporter, mutig, energisch und mit einer nie ermüdenden Neugier", schrieb der amerikanische "Forbes"-Chef, Steve Forbes, in einem Nachruf.

Beresowski: "Ist mit Fakten sehr eigenmächtig umgegangen"

Der durch Klebnikows Recherchen in Bedrängnis gebrachte Oligarch Boris Beresowski gab dem Journalisten eine Teilschuld an seinem Schicksal. "Leider ist er mit Fakten sehr eigenmächtig umgegangen. Vieles hat er erfunden und das hat offenbar jemandem sehr missfallen", sagte der beim Kreml in Ungnade gefallene Beresowski der Agentur RIA-Nowosti in London.(APA/dpa)

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    Mit einer Auflistung der 100 reichsten Russen hatte Klebnikow in der Erstausgabe des "Forbes"-Magazin im April für Aufsehen gesorgt. Einige der Erwähnten beklagten sich anonym in den Medien, mit dieser Liste hetze Klebnikow ihnen die Justiz auf den Hals. In Klebnikows Kollegenkreis wurde diese Liste mit dem Mord in Verbindung gebracht.

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