100 Prozent Aufklärungsquote

19. Juli 2004, 16:56
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Ottfried Fischer im STANDARD-Interview über die Liebe zu Krimis, die Kunst des Improvisierens und journalistische Qualitäten von "Krone" und "tv-media"

An einem heißen Juli-Tag in einer kleinen Gasse im dritten Wiener Gemeindebezirk: Ottfried Fischer sitzt im Fiaker und wartet. Um ihn Menschengewusel, Kameras fahren hoch und nieder, Mikrofone werden auf- und abgebaut, keiner beachtet ihn. Der Blick: stoisch, geradeaus. Nichts bewegt sich.

Dann das Kommando: "Bitte!" Fischer springt plötzlich aus dem Fiaker, hoppelt auf den Eingang eines Hauses zu, verschwindet darin.

Die Szene ist im Kasten, Fischer kommt aus dem Haus heraus, setzt sich in seinen Sessel. Der Blick: stoisch, geradeaus. Nichts bewegt sich. Und das soll der Quotenbringer des ORF sein? Er ist es. Seit 1996 erfreut Fischer als Bulle von Tölz die Massen, sogar Wiederholungen bringen es auf weit mehr als eine Million Zuschauer. Dieser Tage weilt der 51-jährige Schauspieler in Wien, mit der Lisa-Film dreht er eine Folge der hierzulande nicht minder beliebten Bestseller-Reihe, in der Fischer einen Schriftsteller mimt. Titel: "Wiener Blut".

STANDARD: Fußball und Ottfried Fischer haben eines gemeinsam: Sie bringen dem ORF die Quoten. Wie erklären Sie sich, dass Sie beim österreichischen Publikum so gut ankommen?

Fischer: Mit dem Bullen ist uns die Quadratur des Unterhaltungskreises gelungen. Wir haben eine Akzeptanz vom Hilfsarbeiter bis zum Uniprofessor, weil wir einen modernen anspruchsvollen Heimatfilm machen. In Zeiten der Globalisierung ist Identifikation wichtig. Vielleicht in Österreich besonders, ich weiß es nicht.

STANDARD: Hat sich der "Bulle" im Laufe der Jahre verändert? Manche meinen, die Drehbücher haben an Biss verloren?

Fischer: Die Krimihandlung war immer nur Transportmittel für den Lokalkolorit, der bei uns sehr satirisch aufgefasst wird. Wir haben nichts geändert, das ist auch unser Geheimnis. Die Mama und der Bulle verlassen ihre Pfade nicht.

STANDARD: Sie haben sich ein Mitspracherecht bei den Drehbüchern zusichern lassen?

Fischer: Wer mich engagiert, weiß, dass es so ist: Ich bekomme Drehbücher in Hochdeutsch und spreche die Rolle im Dialekt. Ich schau mir in der Früh meinen Text an, überlege, wie ich das mit meinen Worten sagen soll, erfinde Sachen. Nach 25-jähriger Kabaretterfahrung weiß ich, wo die Pointe sitzen muss. Und zwar besser als ein Drehbuchautor, der am Schreibtisch sitzt und die Erfahrungen mit dem Publikum nicht hat.

STANDARD: Wie gehen Ihre Kollegen mit Ihrer Neigung zum Improvisieren um?

Fischer: Es gibt Kollegen, die sehr am Text hängen, die das nicht anders können. Darauf muss man Rücksicht nehmen. Ruth Drexel und Katharina Jacob beim Bullen sind flexibler, und ich schaue natürlich, dass für sie auch ein paar Pointen abfallen.

STANDARD: Trotzdem muss es schnell gehen, die Produktionsfirmen schauen aufs Geld.

Fischer: Deshalb sieht man immer dieselben Schauspieler im Fernsehen. Weil man weiß, dass die funktionieren. Manche Rollen könnten besser besetzt sein, aber man hätte mehr Arbeit damit und das kann sich keiner leisten. Schade eigentlich, aber Tatsache.

STANDARD: Wie sehr spielen Sie Ihre Rollen?

Fischer: Die Gestaltung meiner Figuren findet sehr stark im verbalen Bereich statt. Ich habe schon Arbeit mit ihnen. Wenn ich als Kommissar jemanden des Mordes verdächtige und ihm das auf den Kopf zu sage: Das würde ich als Mensch nie machen. Wenn man nah bei der Figur bleiben kann, wird einem das als Ehrlichkeit ausgelegt. Ein Vorteil.

STANDARD: TV-Krimis scheinen mitunter als Fremdenverkehrswerbung missbraucht zu werden, weil sie von Tourismuseinrichtungen mitfinanziert werden. Wie stehen Sie dazu?

Fischer: Das ist legitim, so lange es in die Szene passt. Wenn man einen Heimatfilm machen will, kann man die Heimat schon zeigen. Umgekehrt: Bad Tölz etwa ist nicht gewählt worden, weil es ein schöner Fleck ist, sondern weil es nah bei München lag. Deshalb musste man keine Übernachtungen bezahlen.

STANDARD: Alle Ihre Figuren - egal ob im Bullen, Bestseller, Pfundskerl oder Pfarrer Braun klären Verbrechen auf. Woher kommt Ihre Vorliebe für Krimis?

Fischer: Der Krimi ist nicht so beliebig, er muss stringent zum Ende kommen. Der Schauspieler ist gefordert, Tiefen und Untiefen des Seelenlebens auszuloten. Für mich ist das spannender.

STANDARD: Und der Mörder wird immer entlarvt.

Fischer: Wir haben eine Aufklärungsquote von 100 Prozent. Ein offener Schluss ist unbefriedigend, Geschichten haben Anfang und Ende.

STANDARD: Wie kommen Sie mit Ihrem Image zurecht? Wie ist das, wenn Sie durch Wien spazieren?

Fischer: In Österreich bin ich mit den Leuten relativ zufrieden. Sie sind höflich und respektvoll. Es gibt keine so martialischen Schulterklopfer.

STANDARD: Die "Kronen Zeitung" hat Sie vor zwei Jahren im Zuge des Temelin-Volksbegehrens in die Nähe der FPÖ gebracht. Das war nicht ganz so höflich und respektvoll?

Fischer: Sie haben schon auch dunkle Seiten. Zum Wiener Schmäh sage ich, man kann ihn genießen, aber auch schnell wieder vergessen. Er ist nicht ganz wahrhaftig, macht das Zusammenleben zwar vordergründig leichter, kann aber auch nach hinten ausschlagen. Die "Kronen Zeitung" hat mich scheinheilig zu Temelin befragt und mich dann Pro-Haider hingestellt. Obwohl jeder weiß, dass ich es wahrlich nicht bin: Ein bisschen viel Schmäh, wie ich meine.

STANDARD: Das hat Ihre Beziehung zur Presse aber kaum gestört. In "tv-media" sind Sie ja ziemlich präsent.

Fischer: Ja, die von "tv-media" verfolgen mich, die sind wie Scientologen. Wenn ich einen Diavortrag mache, stehen vier Seiten drin. Fotoshootings dauern einen ganzen Tag. Das habe ich ihnen selber auch schon gesagt. Aber ich bin nicht so blöd, mich mit Zeitungen zu streiten. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.7.2004)

Zur Person

Ottfried Fischer (51) begann seine Laufbahn als Kabarettist. In Österreich wurde Fischer 1987 durch sein spektakuläres Telefonat mit Kurt Waldheim bekannt: Fischer gab sich als Franz Josef Strauß aus und lud zur gemeinsamen Kutschenfahrt zum Oktoberfest ein. Seit 1996 ermittelt er in der Krimiserie Der Bulle von Tölz. Später kamen Der Pfundskerl, Der Bestseller und Pfarrer Braun dazu. Fischer ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Mit Ottfried Fischer sprach Doris Priesching.

  • Nicht als "Bulle von Tölz", sondern als Autor Leo Leitner dreht Ottfried Fischer eine Folge der "Bestseller"-Reihe in Wien.
    foto: lisa film

    Nicht als "Bulle von Tölz", sondern als Autor Leo Leitner dreht Ottfried Fischer eine Folge der "Bestseller"-Reihe in Wien.

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