Reportage: "Wir haben ihn alle gern g'habt"

8. Juli 2004, 16:40
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Bevölkerung nimmt Abschied von Klestil

Schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, weißes Hemd und dazu schwarze Sonnenbrillen: Markus Heigel hat sich passend gekleidet, um in der Präsidentschaftskanzlei, in der Bundespräsident Thomas Klestil aufgebahrt liegt, Abschied nehmen zu können. Die mitgebrachten Rosen hat er am Mittwochvormittag schon vor das Gebäude gelegt. Warum er da ist? "Der Präsident war gut für das Volk und hat sich für die Menschen eingesetzt", ist er überzeugt. Dafür müsse man Danke sagen.

Auch Harald Morawetz, der eigentlich nur zufällig zur Präsidentschaftskanzlei gekommen ist, meint, dass es "die Pflicht jedes Österreichers ist, dem Bundespräsidenten die letzte Ehre zu erweisen". Zu Beginn der Amtszeit Klestils sei er noch skeptisch gewesen, erzählt der Wiener Pensionist: "Wie er sich dann verhalten hat, als der Wolfgang Schüssel Kanzler geworden ist - das war dann schon in Ordnung."

Das letzte Geleit wollte auch die Pensionistin Margarete Leinstein Klestil geben. Sie ist extra "zum Abschiednehmen" angereist, denn: "Wir haben ihn alle gern g'habt, weil er ein Mensch war." Klestil sei ein "Präsident für das Volk gewesen" und habe viel für das Land getan.

Das glaubt auch Heide Stocek. Sie hat aber noch andere Gründe, warum sie gekommen ist. Sie stamme wie Klestil aus einfachen Verhältnissen, der Vater ihres Vaters sei ebenso Straßenbahner gewesen, und dann sei sie auch nur ein paar Jahre jünger, zählt Stocek auf. Und sie lebt im dritten Bezirk - im Fasanviertel, nicht in Erdberg, wo Klestil herstammt. Ihr liebster Bundespräsident sei eigentlich Rudolf Kirchschläger gewesen: "Das war noch ein Politiker!" Und heute? "Schauen Sie sich die Regierung nur an. Wie die da an uns vorbeigehen. Grüßen die? Nein, nix!"

Weniger aufgeregt beobachten die Jungen das Kommen und Gehen der Politprominenz. "Ich will der Familie zeigen, dass sie nicht alleine ist", sagt die Fachhochschulstudentin Sabine Winkler. Klestil sei zu einem "tragischen Zeitpunkt" verstorben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.7.2004)

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