Krankengeschichte: Acht Jahre lang behandelt, aber nie geheilt

7. Juli 2004, 15:10
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Die Lungenentzündung von 1996 brachte Klestils Immunsystem dauerhaft aus dem Gleichgewicht

Die Krankheit, unter der der Präsident bereits seit 1996 leidet, ist in keinem medizinischen Lehrbuch beschrieben. Denn die kryptische Umschreibung "atypische Lungenentzündung" ist nicht viel mehr als ein Platzhalter für ein noch weit gehend rätselhaftes Krankheitsgeschehen.

Bei einer "normalen" Lungenentzündung sind es zumeist Bakterien, die das Atmungsorgan befallen. Finden die Mediziner das passende Antibiotikum, können sie Infektion wirksam bekämpfen und den Patienten dauerhaft heilen.

Bei Thomas Klestil hat die erste Lungenerkrankung im Jahre 1996 dagegen das körpereigene Abwehrsystem dauerhaft aus dem Gleichgewicht gebracht. Damals hat sein Immunsystem verlernt, exakt zwischen Zellen des eigenen Köpers und gefährlichen Eindringlingen wie Bakterien und Viren zu unterscheiden. Das Immunsystem richtet sich deshalb immer wieder gegen den eigenen Körper. Was diese verhängnisvolle Kettenreaktion im Detail auslöst, ist noch weit gehend unerforscht. Vermutet wird, dass nur Menschen mit entsprechenden Anlagen diese Krankheit entwickeln können. Der Krankheitsverlauf ähnelt dem eines Rheumatikers: Monatelang haben die Patienten keine Beschwerden, dann startet das Immunsystem wieder einen seiner ungesunden Angriffe. Um die Folgen dieser Attacken zu mindern, wird den Patienten in solchen Phasen Kortison verschrieben.

Die Nebenwirkungen dieser Behandlung waren auch beim Bundespräsidenten immer wieder deutlich zu erkennen: Der Körper lagert Wasser ein, besonders das Gesicht quillt auf.

Wirklich gefährlich wird die Krankheit, weil sie nur behandelt, nicht aber geheilt werden kann. Schädigungen durch das Immunsystem und Nebenwirkungen der Behandlungen sammeln sich an - bis sie unkontrollierbar werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2004)

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