Zahl der Privatkonkurse explodiert

8. Juli 2004, 15:47
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Firmenpleiten sollen heuer um 16 Prozent auf 6.000 steigen - Vor allem Klein- und Mittelbetriebe betroffen - Mit Infografik

Wien - Die Zahl der Firmenpleiten wird heuer auf rund 6.000 Fälle steigen. Damit konnte die Prognose, dass sich das Insolvenzniveau in etwa auf dem Niveau 2003 einpendeln werde, nicht gehalten werden, betonte der Leiter der Insolvenzabteilung im Kreditschutzverband von 1870 (KSV), Hans-Georg Kantner, am Mittwoch bei der Halbjahrespressekonferenz.

Während die Zahl der Firmenpleiten im Halbjahr um knapp 16 Prozent auf mehr als 3.000 Fälle zulegte, explodierte die Zahl der Privatkonkurse um mehr als 30 Prozent auf rund 2.730 Fälle. Insgesamt gingen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres täglich 25 Firmen pleite.

Wie schon in den vergangen beiden Jahren waren von der Insolvenzwelle vor allem Klein- und Mittelbetriebe betroffen. Megainsolvenzen hat es heuer bis jetzt nicht gegeben. Im Detail nahm die Zahl der Gesamtinsolvenzen um 15,8 Prozent auf 3.072 (2.652) zu.

Die mangels Masse abgewiesenen Konkurse haben heuer erstmals seit Jahren wieder die eröffneten Verfahren überholt. Sie stiegen um 30,2 Prozent auf 1.610 (1.237) Fälle, während die Zahl der eröffneten Verfahren nur um 3,3 Prozent auf 1.462 (1.415) zunahm.

Zahl der Dienstnehmer rückläufig

Weiterhin rückläufig war im Halbjahr die Zahl der Dienstnehmer, und zwar um 15,4 Prozent auf 10.400 (12.300) Personen. So seien von der größten Insolvenz des laufenden Jahres, dem Konkurs über die Verlassenschaft der Helene Berger Mülldeponie in Weikersdorf (NÖ), keine Mitarbeiter betroffen gewesen, so Kantner. Abgenommen haben auch die geschätzten Insolvenzverbindlichkeiten: Sie gingen um 12,3 Prozent auf 1,103 (1,258) Mrd. Euro zurück.

Am stärksten betroffen mit den meisten Pleiten (522) und den höchsten Verbindlichkeiten (197,4 Mio. Euro) ist nach wie vor die Bauwirtschaft.

"Viel zu hohe Sterblichkeitsrate"

Österreich habe, so Kantner, seit Jahren "eine viel zu hohe Sterblichkeitsrate bei seinen Unternehmen". 1,8 Prozent oder 18 auf 1.000 schaffen es pro Jahr nicht. Die Hälfte der gescheiterten Unternehmen sind jünger als zehn Jahre alt.

Dramatisch angestiegen ist im Halbjahr die Zahl der Privatkonkurse und zwar um 31,9 Prozent auf 2.732 (2.071) Fälle. Die Zahl der eröffneten Fälle stieg um 28,5 Prozent auf 2.293 (1.784) Insolvenzen. Bei den mangels Masse abgewiesenen Fälle gab es einen Zuwachs um 53 Prozent auf 439 (287) Fälle. Die geschätzten Insolvenzverbindlichkeiten bei den Privaten stieg um 20,5 Prozent auf 318 (264) Mio. Euro. Für das gesamte Jahr 2004 erwartet Kantner rund 4.700 Privatkonkurse, das sind um rund 25 Prozent mehr als im Jahr 2003.

100.000 Haushalte überschuldet

In Österreich seien nach Angaben der Schuldnerberatungen rund 100.000 Haushalte überschuldet. Der KSV beobachtet in seiner Datenbank rund 350.000 Personen, die Zahlungsprobleme haben. Jährlich werden bei österreichischen Gerichten 1,5 Millionen Exekutionsanträge gestellt. Rund die Hälfte der Privatkonkurse entfällt auf Personen zwischen 25 und 40 Jahre. Der Bedarf an Schuldenbereinigung sei enorm, so Kantner. 70 Prozent der Konkursanten bleiben nach einem Schuldenregulierungsverfahren auch entschuldet.

Der KSV fordert eine Senkung der Lohnnebenkosten, und dabei vor allem die Halbierung des Beitrages zum Insolvenzausfallsgeldfonds (IAG) auf 0,35 Prozent. Dieser Fonds sei, so Kantner, seit dem Jahr 2000 zur "Privatschatulle der Regierung" geworden, die bis zum Jahr 2005 insgesamt 786,2 Mio. Euro (NS-Versöhnungsfonds, Lehrlingsförderung und Jugendbeschäftigung) abgezweigt haben.(APA)

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KSV Zahl der Pleiten

  • Infografik: Insolvenzen im ersten Halbjahr
    grafik: derm standard

    Infografik: Insolvenzen im ersten Halbjahr

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