Ansichtskarte

29. Juni 2004, 09:43
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Früher, sagte G. wäre ihm das nicht passiert: Da habe er Telefon- und Hausnummern auswendig gewusst ...

Früher, sagte G. und wühlte in seiner Reisetasche, wäre ihm das nicht passiert. Früher, sagte er und fluchte laut, habe er nämlich nicht nur Telefonnummern, sondern auch Hausnummern auswendig gewusst. Und zwar die all seiner Freunde. Aber heute – G. hatte mittlerweile sein Handy gefunden und begann zu wählen – heute jedenfalls merke er sich nichts mehr. Keine Zahlen. Sogar bei seiner eigenen Telefonnummer müsse er auf seinem Mobiltelefon nachschauen. Am anderen Ende der Leitung hob jemand ab. G. fragte, wie es dem Angerufenen ginge – und nach seiner Adresse. Dann griff er zu Kuli und Ansichtskarte und schaute noch einmal kurz auf: Ob einer von uns eine Idee hätte, was er da jetzt eigentlich hinschreiben solle?

Es war Sonntagmittag und wir saßen in der Lobby eines Ferienclubs. Irgendwo in Tunesien. Eingeladen vom Partymacher K., der uns – einer Gruppe von Journalisten, Sponsoren und Freunden des Hauses – hier zeigen wollte, wie er ein paar Tausend frischgebackene Maturanten eine Woche lang bei Sonne und Meer bei Laune halten könne. Wir warteten auf den Bus zum Flughafen – und G., der Vertreter eines Softdrinkherstellers, hatte einen Stapel Ansichtskarten auf den Tisch gelegt: Wenn wir schon auf Maturareise wären, meinte er, dann sollten wir uns gefälligst auch so benehmen wie Maturanten es zu unserer Zeit getan haben – und unseren Eltern und Freunden Ansichtskarten schreiben.

Etikettenbögen

Früher, erzählte G., habe es da in seiner Klasse sogar Leute gegeben, die sich die Adressen schon daheim auf Etiketten – Klebetiketten, die zu bedrucken mit den damals frisch in die Wohnungen Einzug haltenden immer eine kleine Herausforderung gewesen sei – ausgedruckt hätten. Andere hätten sich mit handschriftlichen Listen begnügt. Er, so G., habe eben immer aus dem Gedächtnis geschrieben. Und soweit er sich erinnern könne, seien auch immer alle Karten angekommen.

Das Schöne am Ansichtskartenschreiben, erzählte G. mit melancholischem Blick dann weiter, sei ja auch das Spiel gewesen, dass man nie wusste, ob man nun mehr Karten schreiben oder bekommen würde. Und dass es auch nie ganz klar war, ob man die Karten eigentlich schrieb, um den Daheimgebliebenen die Chance zu geben, sich mit einem zu freuen – oder aber ihnen reinzudrücken, wo man's fein habe, während sie grad die Wahl zwischen Ziegelteich und Krapfenwaldbad hätten.

Vom Aussterben bedroht

Mittlerweile, seufzte G. – und erntete ringsum Zustimmung -­ sei das Ansichtskartenschreiben aber beinahe vom Aussterben bedroht. In seinem Umfeld zumindest. Weil man doch von überall und jederzeit ohnehin telefonisch oder per SMS Urlaubsgrüße versenden könne. Aber ein Mail aus dem Webcafé schräg hinter Timbuktu oder aus Feuerland sei dann halt doch in keiner Weise mit einer verknitterten Postkarte zu vergleichen, auf der das Meer unnatürlich blau, der Sand unglaubwürdig weiß und die Menschen unfassbar glücklich seien. Urlaubsgrüße per Mail, sagte G., wären ja sowieso das Letzte: Jemand, der in den Ferien seine Office- und Businessmails abrufe, habe bei ihm erholungsglaubwürdigkeitstechnisch ziemlich wenig Credibility. Und von so jemandem wolle er auch nicht in feinen, kurzen Sätze erfahren – vielleicht noch mit einem Link auf die lokale Tourismuswebsite- , wie elegant doch die Hotellobby sei – oder (noch schlimmer) wie unverschämt teuer/billig die halbe Stunde Onlinezeit sei, von der man gerade ein paar Minütlein abgezwackt bekomme.

Ansichtskarten, schwärmte G. (und man sah ihm an, dass er beim Schreiben langsam wieder seine alte Form gewann), seien da doch etwas ganz anderes. Haptisch. Oft erst viele Wochen nach dem Reisenden selbst daheim. Im Idealfall sogar mit dem heißbegehrten Irrläuferstempel „Arrived Sidney“ versehen. Manchmal so verwaschen, dass man gar nicht mehr erkennen könne, von wem sie eigentlich kämen.

Schräg oder im Kreis

Überhaupt, setzte G. zu einer neuen Suada an während er sich bemühte, auch das letzte Fitzelchen Weißraum auf einer Karte vollzukritzeln, überhaupt die Texte: Nicht die Handschrift, sondern vor allem der Umgang mit dem Platz habe am meisten über den Schreiber ausgesagt. Da habe es die Volltexter gegeben (und es sei ihm, fügte G. mit einem erstaunten Blick auf sein Werk hinzu, fast peinlich, dass er da jetzt wohl dazugehöre). Dann die Schrägschreiber. Die Im-Kreis-Buchstabierer. Und natürlich die Zeichner: Wie viele Sonnen und Grinsegesichter er per Post erhalten habe, könne er beim besten Willen nicht mehr sagen. Und wie oft ihn die immer selben lustigen, sehr lustigen und ganz besonders lustigen Texte trotz ihrer Lustigkeit dann doch gefreut hätten, auch nicht.

Der Stapel der leeren Karten vor G. war mittlerweile deutlich geschrumpft. Immer wieder hatte er zwischendurch Adressen ertelefoniert. Zwischendurch war er auch einmal aufgestanden, um im Business-Bereich des Hotels über das Web ein paar Adressen herauszufinden. Als er zurückkam, hatte er das Grinsen in unseren Augen gar nicht bemerkt. Aber über die Ansichtskarte, die - G. ist ein korrekter Geschäftsmann und verteilt immer brav Visitenkarten – in einer Woche auf seinem Schreibtisch landen wird, wird er sich wohl dennoch freuen. Obwohl wir sie ihm gestohlen haben.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas RottenbergJede Woche auf derStandard.at/Panorama

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