Was trennt uns?

5. Juli 2004, 13:27
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Jetzt einmal ganz abgesehen von fortpflanzugstechnischen Merkmalen: Wo liegen die Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

Unser Bild von Frauen und Männern ist von Vorurteilen geprägt: Die Einen können nicht Autofahrern, haben von Technik keine Ahnung und sind launisch, die Anderen denken nur an Sex oder Fußball und haben kein Einfühlungsvermögen. Von pseudowissenschaftlichen Ratgebern bis hin zu Zeitungskolumnen, alle Welt beschäftigt sich mit diesem Thema, dabei hat doch niemand Erfahrung darin, das andere Geschlecht zu sein. Das heißt: Fast niemand.

Ich war einmal ein Mann...

Transsexuelle werden oft mit Homosexuellen in einen Topf geworfen, doch Transsexualität bedeutet nichts anderes, als dass das biologische Geschlecht eines Menschen nicht seinem Identitätsgeschlecht entspricht. Ein Mann, mit allen äußerlichen Merkmalen, der weiß, dass er eine Frau ist, oder eine Frau, die weiß, dass sie eigentlich ein Mann ist. Transgenders sind die Einzigen, die Erfahrung in beiden Geschlechtern haben.

Strukturalisten und Individualistinnen

Linda war 38 Jahre alt, als sie erkannt hat, dass sie eine Frau ist, und arbeitete als Kundenbetreuerin in einer großen Bank. Zunächst hat sie versucht, nur in ihrer Freizeit als Frau zu leben. Als sie sich dann dazu entschied, ihre männliche Identität ganz aufzugeben, wurde sie in eine andere Abteilung versetzt. "Die Kollegen haben das sehr gut aufgenommen, aber meine Vorgesetzten entschieden, dass Probleme mit Kunden gar nicht erst aufkommen sollen. Dabei war das Stigma, von einem Schachterl ins Andere zu hüpfen, das wirkliche Problem."

Auf die Frage, was denn nun die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind, antwortet Linda: "Frauen entscheiden emotionaler, Männer eher rational. Männer versuchen schon vorher etwas zu begründen und danach eine Rechtfertigung zu finden. Außerdem ordnen sich Männer viel leichter in hierarchische Strukturen ein, Frauen sind die stärkeren Individualisten." Nachsatz: "Vielleicht hat die Emanzipation deshalb so lange gebraucht."

Jäger und Sammler

Claudia* die etwa mit 20 Jahren ihr Identitätsgeschlecht akzeptiert hat, hat als Jugendlicher eine Zeit lang ein "Scheinproletenmacholeben mit Fußballplatz und Bier geführt", um sich "als Mann zu beweisen, was aber nicht funktioniert hat." Nach ihrem "Switch" – dem Geschlechterwechsel - ist sie von Oberösterreich, wo sie "nur der bunte Vogel" war, nach Wien übersiedelt. "Männer sind im Grunde Jäger und Sammler geblieben, sie wollen immer Erster sein. Ein Mann würde es nicht so leicht erzählen, wenn er Probleme hat, Frauen hingegen tragen ihre Gefühle intensiver nach Außen."

Spielen wir alle nur Rollen?

Andreas*, heute 24, ist seit vier Jahren offiziell ein Mann, doch wie die meisten Transgenders, hat auch er bereits als Kind gespürt, dass etwas anders ist. "Ich habe jetzt einfach das Gefühl, dass es stimmiger ist, dass ich keine Rolle mehr spiele, sondern ich selbst bin." Und Manuela*, die erst, als sie schon verheiratet war und zwei Kinder hatte, akzeptieren konnte, das sie eine Frau ist, bringt es auf den Punkt: "Ich kann nicht wirklich etwas davon erzählen, wie es ist, ein Mann zu sein, weil ich eigentlich nie einer war."

Die Frage, ob es besser ist, ein Mann oder eine Frau zu sein, stellt sich für keine/n von ihnen: "Das ist kein Abwägen von Vorteilen, sondern das Bedürfnis, als das wahrgenommen zu werden, als das man sich fühlt.", sagt Linda.

Vielleicht ergeben sich die großen Unterschiede daraus, dass Männer wie Frauen bloß versuchen, den Rollenklischees ihres Geschlechtes gerecht zu werden. Und manchen Menschen gefällt diese Rolle nicht und sie suchen nach einer, die zu ihnen passt.

TransX

Der Verein TransX trifft sich zweimal im Monat im Lesben- und Schwulenhaus in Wien - der Rosa-Lila-Villa – zum Erfahrungs- und Problemaustausch und bietet denjenigen, die sich unsicher sind oder Angst vor einem Outing haben, Beratung. In Österreich gibt es zwischen 400 und 500 Transsexuelle, die sich offen zu ihrem wahren Geschlecht bekennen, doch die Zahl derer, die sich nicht trauen, den „Switch“ zu vollziehen und nur privat und anonym ihr wahres Ich zeigen, dürfte weit höher sein. Wer sich für das Thema Transsexualität interessiert oder sich seines Identitätsgeschlechtes nicht ganz sicher ist: TransX ist im Internet unter www.transx.transgender.at oder jeden ersten Montag und dritten Mittwoch im Monat ab 20:00 in der Rosa-Lila Villa, 1060 Wien, Linke Wienzeile 102, Clubraum 1. Stock zu finden.

*Namen von der Redaktion geändert

von Michael Fiedler, Student an der Fachhochschule der Wiener Wirtschaft, Studiengang Journalismus
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