Frankreich: Robin Hood im AKW

1. Juli 2004, 10:56
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Ungewöhnliche Proteste gegen die Privatisierung des Elektrizitätskonzerns EDF

Habib ist überglücklich. Der Industriearbeiter aus Tunesien kann abends wieder bei Licht lesen und strahlt in die TV-Kameras: "Meine elfjährige Tochter muss keine kalten Bäder mehr nehmen." Vor drei Jahren hatte die "Electricité de France" dem Immigranten den Strom wegen unbezahlter Rechnungen abgedreht. Wie Engel tauchten vor ein paar Tagen drei vermummte Angestellte der EDF bei ihm auf, bastelten am Stromzähler herum – und plötzlich brannte das Licht wieder in Habibs mieser Banlieue-Wohnung.

Die anonymen EDF-Streiter versuchen sich mit ihren Kommandooperationen bei den Franzosen wieder beliebt zu machen, nachdem sie einige Sympathien verscherzt hatten. Als die bürgerlich dominierte Nationalversammlung vor gut einer Woche die Debatte über die Umwandlung des Staatskonzerns EDF in eine Aktiengesellschaft aufnahm, blockierten Vertreter der kommunistisch orientierten Gewerkschaft CGT wütend Verkehrsachsen und stellten den Strom in Vorortszügen ab – Hunderttausende von Berufspendlern blieben im wahrsten Wortsinn auf der Strecke. Ein paar Atomkraftwerke mussten ihre Produktion anhalten.

Robin-Hood-Aktionen"

Dies ging nun selbst den Franzosen zu weit, obwohl Streikende bei ihnen normalerweise mit ihrem Goodwill rechnen können. Die CGT reagierte rasch auf den Gegenwind. Bei ihren "Robin-Hood- Aktionen" nehmen sie den Reichen, um sozusagen den Armen zu geben: Während sie säumige EDF-Kunden wieder ans Stromnetz koppelten und Spitälern gratis Strom lieferten, entzogen sie dem Arbeitgeber-Präsidenten Seillière und dem präsidialen Elysée- Palast vorübergehend den "jus", zu Deutsch "Saft" (EDF- Jargon für Strom).

Da Seillière noch nie beliebt war und es Chirac gegenwärtig auch nicht ist, gewinnt die CGT mit ihren Operationen wieder Punkte in der Schlacht um die EDF. Das Thema ist überaus brisant, da die EDF den ganzen Atomkurs des Landes symbolisiert und wichtigste Bastion sowie Geldesel der CGT ist. Die Gewerkschaft kämpft deshalb an vorderster Front gegen die‑ Liberalisierung des europäischen Strommarktes.

Die Mehrheit der Franzosen ist überzeugt, dass die EDF ihr Kapital öffnen muss, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Aber gleichzeitig freuen sich die Erben der Revolution von 1789 jedes Mal, wenn die Machthaber in Paris wegen ein paar aufmüpfiger Gewerkschafter in die Bredouille geraten. Die CGT organisierte auch am Donnerstag wieder einen neuen Streik mit zahlreichen Strompannen. (Stefan Brändle aus Paris, Der Standard, Printausgabe, 25.06.2004)

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