Amoklauf mit Blech und Platte

22. Juni 2004, 19:42
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"The Brotherhood of Brass" beendete im Museumsquartier die Wiener Festwochen

Wien - Ein gelungenes Fest dauert mindestens drei Tage, aber nicht mehr als eine Woche. Wer einmal jung war: Mehr geht nicht. Und so eine Zerstörung des Kurzzeitgedächtnisses endet am letzten Tag in nichts weniger als Raserei. Oberflächlicher Atheismus. Überzogenes Selbstwertgefühl. Orgiastische Zustände wie in: "You gotta say yes to another excess."

Die Leber wächst aus der Hüfte, die Birne wird weich. Mit fremden Zungen grölen, in fremden Füssen tanzen. Schließlich: Vor Lachen weinen und dann wirklich, wirklich traurig werden. Darauf folgt ein Katzenjammer, für den selbst der Begriff Migräne klingt wie ein Sommerlager im Takatuka-Land.

Das aus Emir Kusturicas diesbezüglich jedes Balkanklischee bestens bedienendem "Kultfilm" Underground bekannte Boban Markovic Orkestar, eine Interessengemeinschaft elf musikalisch amoklaufender serbischer Roma, schafft zur Not so ein Ritual der heiligen Selbstreinigung durch Ekstase und Erniedrigung notfalls auch in eineinhalb Stunden.

Sie haben das Ende der Wiener Festwochen im Museumsquartier gemeinsam mit Frank Londons aus der New Yorker East Side kommenden Klezmer Brass All Stars als Brotherhood of Brass eingetrötet. Ein Instant-Rausch für Eilige. Wer hat heute schon noch Zeit für eine Woche Auszeit?

Mit Trompeter Frank Londons Partie steht hier neben dem Kamikaze-Blasmusik für Familien mit umgekehrtem Düsenantrieb spielenden Boban Markovi`c Orkestar eine Truppe auf der Bühne, die sich als Shikere Kapelye, als betrunkene Kapelle der alles andere als historisierenden Pflege der jüdischen Musik des Ostens mit erhöhtem Schleuderfaktor widmet. Neben zotigem Polkawahnsinn wie Herschel der Gangster oder alten Rolling Stones-Hadern schrecken sie auch nicht vor Konzeptalben zum Thema slibowitzbedingter Kontrollverlust zurück.

Unterstützt werden beide Ensembles schließlich vom deutschen DJ Shantel. Der bringt mit seinem Bukowina Club seit gut einem Jahr diese zuvor höchstens auf Jazz- und Worldmusic-Festivals geschätzte Kunst des Blechs auf die Tanzflächen der europäischen Clubs. Nicht, dass seine einförmigen rhythmischen Beiträge unbedingt notwendig wären, um das Volk zum Tanzen zu bringen. Wer heute aber die jungen Menschen zu richtiger Musik bekehren will, der muss halt den Discjockey dazustellen. Sonst wäre das hier statt der angesagtesten Party der Stadt leider nur ein Rentner-Clubbing.

Von
Christian Schachinger
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    Das Boban Markovi`c Orkestar aus Serbien rockt das Museumsquartier mit Turbo-Blasmusik.

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