Die Erde ist eine flache Scheibe

24. Juni 2004, 12:57
10 Postings

Das internationale Aushängeschild des Techno im Jahr 2004, Caroline Hervé alias Miss Kittin aus Grenoble, gastiert im Wiener Flex

Der französische Techno-DJ-Star Caroline Hervé alias Miss Kittin verlässt die Grenzen des Genres und entwirft auf dem Album "I Com" eine elegante Form von unterkühlt-sinnlichem digitalem Pop. Heute, Dienstag, kann man Miss Kittin live im Wiener Flex bestaunen.


Wien - "Ein Schallplattenspieler war kein gutes Gerät. Es brachte den Menschen dazu, sich immer wieder dieselben Lieder anzuhören." Der deutsche Schriftsteller Wilhelm Genazino 1977 in Abschaffel.

Heute ist es auch schon wieder über zehn Jahre her, dass das öffentliche Verlegen von oberflächlich gleichförmig klingenden Schallplatten weite Teile der Rezeption von Pop bestimmt. Der/die/das Discjockey und das damit gekoppelte Bestreben, Pop weg von einem "klassische Konzertsituation mit Band vorne und Publikum im Saal"-geprägten Rezeptionsmuster zu bringen, mag zwar ein zu Recht begründetes Bestreben dieser Szene gewesen sein. Immerhin sollte nicht die starbevölkerte Bühne, sondern die Verhältnisse in der anonymen Menge zum Tanzen gebracht werden.

Der zu Beginn dem Dienstleistungsgedanken verpflichtete Techno (Give the people what they want!) ist aber spätestens seit dem baldigen Auftauchen von Star-DJs recht schnell wieder in gewohnten rezeptorischen Mustern versandet. 2004 fliegen Menschen mit Plattenkoffern längst professionell um den Erdball, um sich auch nicht anders aufzuführen als kleine Kinder oder Leadgitarristen.

Stimme des Techno Deshalb wäre es auch nicht weiter bemerkenswert, wenn die 31-jährige französische Star-DJane Caroline Hervé alias Miss Kittin aus dem französischen Grenoble wieder einmal vor einer von der Tanzfläche statt zur Bühne Richtung DJ-Kanzel schielenden Menge begeistert beklatscht werden würde.

Immerhin hat die ebenso begnadete Plattenverlegerin wie Geschäftsfrau, vom einstigen Underground zum jetzigen Partymainstream kommend, schon vor Jahren erkannt, dass Techno, um in die Breite gehen zu können, nicht nur einen Sound benötigt, sondern vor allem eine Stimme.

Ausgehend von ihrem Debüt First Album, das sie nach beinahe zehn Jahren im Businessclass-Trott zwischen den Clubs dieser Welt erst 2001 gemeinsam mit dem französischen Produzenten The Hacker auf den Markt brachte, begann sich Hervé zwar erst relativ spät, dafür aber umso nachdrücklicher im Genre zu etablieren.

Immerhin wollte die Frau damals wie heute nicht nur jeder in seinem Club oder als Gaststar auf seinen Platten haben. Weil sie gerade recht kam, als es zu dieser Zeit darum ging, den Sound des Techno mit den Mitteln des Punk zum rotzigen und Szenen zusammenführenden Stil des "Electroclash" zu verbinden.

Mit bewusst gelangweilt-unterkühlter Sprechgesangsstimme und starkem französischen Akzent begann sich Miss Kittin in englischer Sprache agierend bei damaligen Liveauftritten auch bezüglich Hochglanzvermarktung wohldurchdacht in Krankenschwesterkostüme aus Latex zu hüllen. Sie wurde mit heutigen Clubklassikern wie 1982 oder Frank Sinatra zur beliebten und kommerziell notwendigen Mitternachtseinlage auf Platten von stagnierenden Genregrößen wie Sven Väth (Je t'aime) oder Felix Tha Housecat (Kittenz and Thee Glitz).

Mit ihrem neuen, gemeinsam mit den deutschen, auch schon für die Chicks On Speed tätigen Produzenten Tobias Neumann und Thies Mynther untermauert Miss Kittin allerdings jetzt den Verdacht, dass es sich bei ihr keinesfalls um ein Auslaufmodell handelt. Hervé ist laut Tracks wie Professional Distortion oder I Come.Com nicht nur der ironischen Reflexion über ihre Rolle im Geschäft mächtig.

Zwischen wuchtig aus den Boxen rollenden Beats und Breaks der härteren, immer noch dem Techno-Betlehem Detroit oder "Electronic Music" im Stile von Front 242 verpflichteten Bauart (Soundtrack Of Now) wird jetzt auch eine Musik entdeckt, die nicht ausschließlich auf ein ungeduldiges Publikum auf dem Dancefloor abzielt.

Hier sind abstrakte Hommagen an David Bowies Heroes-Phase mit Neukölln 2 ebenso zu hören wie zarte Elektroballaden von französischen New-Wave-Bands der 80er-Jahre: 3ème Sexe von Indochine. Kalt, aber charmant. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2004)

Von
Christian Schachinger

Miss Kittin live:
Di., 22. 6.
Flex
1010 Wien
Donaukanal
Höhe Augartenbrücke
Einlass ab 22 Uhr
  • Artikelbild
    foto: virgin/emi
Share if you care.