Ekstatische Sprachrohre tibetischer Gottheiten

25. Juni 2004, 15:14
posten

Wiener Forschungsprojekt untersucht den Zusammenprall von Tradition und Moderne im Himalayagebiet

Das Wiener Museum für Völkerkunde beherbergt eine umfangreiche Sammlung tibetischer Objekte und Handschriften, die der Ethnologe und Tibetologe René de Nebesky-Wojkowitz vor rund 50 Jahren von seinen Forschungen im Himalayagebiet mitbrachte. 1992 begannen Anthropologen der Uni Wien und der Österreichischen Akademie (ÖAW) der Wissenschaften mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds (FWF) im Anschluss an die von Nebesky-Wojkowitz etablierte Tradition, Bergkulte in Tibet zu untersuchen. Zwischen der ÖAW und der Tibetischen Akademie für Sozialwissenschaften gibt es seit einigen Jahren ein Abkommen, das die Forschungszusammenarbeit wesentlich erleichtert. Ein aktuelles FWF-Projekt unter der Leitung von Hildegard Diemberger befasst sich nun mit dem Zusammenprall von Tradition und Moderne beziehungsweise zwischen Tradition und dem Staat, der in den vergangenen Jahrzehnten dramatischen Wandlungen unterworfen war - seit die chinesischen Kommunisten 1950 die Macht übernahmen.

Diemberger und ihre Mitarbeiter gehen bei ihrer Arbeit nicht nur auf die Suche nach alten Texten und Traditionen, sondern auch nach individuellen Lebensgeschichten, etwa jene weiblicher Orakel. Orakel sind Menschen, die im Zuge ekstatischer Besessenheit Gottheiten als Sprachrohr dienen. Die Orakel beziehen sich auf den tibetischen Buddhismus, weisen aber auch schamanische Elemente auf. Sie sind nicht nur Medien, sondern fungieren auch als politische Berater und Heiler. Letzteres stellt vor allem in abgelegenen Gegenden oft die einzige medizinische Versorgung dar, wobei ein gutes Orakel nicht ansteht, einem Hilfesuchenden die lange Reise ins nächste Spital anzuraten, wenn seine eigenen Kräfte für eine Heilung nicht ausreichen. Hier hat sich mit der Kulturrevolution einiges geändert: Davor wurde ein Orakel von der lokalen Bevölkerung nur dann als solches anerkannt, wenn es von einem Mönch bestätigt wurde. Heute gibt es vor allem in ländlichen Gebieten kaum noch Mönche, sodass der Status eines Orakels allein von seinen persönlichen Fähigkeiten abhängt. Gleichzeitig weisen die jüngeren Orakel keine so starke Beziehung mehr zum Buddhismus mit seinen strengen Ritualen und heiligen Texten auf und interpretieren sowohl die alten Erzählungen als auch ihre eigene Rolle wesentlich freier.

Auch auf die Geschlechtszugehörigkeit der Orakel hatte die Geschichte Einfluss: Obwohl Männer ebenso Orakel sein können wie Frauen, sind weibliche Orakel heute in der Überzahl. Das dürfte unter anderem daher kommen, dass Orakel, die das Sprachrohr niederer Gottheiten darstellen und nur sehr begrenztes Prestige genießen, während der Kulturrevolution nicht so gezielt verfolgt wurden wie angesehenere, und diese "Dorf-Orakel" waren öfter Frauen als Männer. Obwohl sehr viele Tibeter auch heute noch vor größeren Entscheidungen ein Orakel konsultieren, schwankt die öffentliche Meinung inzwischen stark zwischen Glauben und Zynismus.

Doch auch in Gestalten unumstrittener Bedeutung zeigt sich der Zusammenprall zwischen Tradition und Staat: Eine der herausragenden Frauen Tibets ist die Samding Dorje Phagmo: Ihre Geschichte begann im 15. Jahrhundert, als sich eine westtibetische Prinzessin als Verkörperung der Göttin Dorje Phagmo herausstellte. Sie wurde hoch verehrt und gründete das (Männer-) Kloster Samding. Als sie starb, wurde ein Mädchen als ihre Reinkarnation erkannt - und damit entstand eine staatlich anerkannte Reinkarnationslinie, die bis heute andauert: Die heutige, ihres Zeichens zwölfte Dorje Phagmo ist 66 Jahre alt und nach wie vor Oberhaupt des Samding-Klosters.

Die chinesischen Machthaber haben ihr nicht nur zahlreiche politische Ämter verliehen, sondern preisen sie auch als feministische Errungenschaft - als solche kommt sie sogar in verschiedenen chinesischen Büchern und Filmen vor. Die Tibeter hingegen beklagen sich oft über ihre Machtlosigkeit und nennen sie ein "Ornament" des politischen Systems.

Auch die alten Lieder und Tänze, die in Tibet eine wichtige Rolle spielen, erfahren teils radikale Umdeutungen: So wurde der berühmte Zyklus "Gyalshe", der vor 1959 zu speziellen Anlässen aufgeführt wurde, kürzlich wiederbelebt. Doch während damit in der Exilgemeinde in Nepal ein religiöses Fest begangen wird, haben ihn die Chinesen in Tibet zum Gedenken an den Vertrag von 1951 aufführen lassen, mit dem die Tibeter formal die chinesische Oberhoheit anerkannten. Als einem wichtigen Punkt, der die tibetische Gesellschaft und Kultur prägt, befassen sich die Projektmitarbeiter auch mit dem Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie. Aus chinesischer Sicht ist Tibet - auch wirtschaftlich - ein Grenzland. Für die tibetischen Buddhisten und viele Himalaya-Staaten ist es nach wie vor das Zentrum der Kultur und ihrer ethnischen Identität. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20. 6. 2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bildnis der Gottheit Dorje Phagmo

Share if you care.