Speed films

24. Juni 2004, 13:03
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Kurzfilme im Internet boomen - Nicht immer profitieren davon allerdings nur die Künstler

Marketingstrategen setzen Computerkunst gezielt als Imagekampagne ein. Zum Beispiel Nike sein Kurzfilmprojekt "Art of Speed"


Die Homepage ist ein Fall für Geduldige: Steigt man in Nike's Kreativlab ein, zischen futuristische Raumschiffe durch's Bild, eines nach dem anderen und so schnell, dass man sie kaum identifizieren kann. Die Fahrt geht durch einen rot blinkenden Tunnel, und irgendwann landet man selbst im Inneren eines Raumschiffs. "Art of Speed" heißt das Projekt, das es hier inmitten der vielen Flash-Animationen zu besichtigen gibt, 15 Kurzfilme von 15 Computerkünstlern. Hinter jeder der Schiebetüren des Raumschiffes wird eine andere der digitalen Kreationen der jungen, in der einschlägigen Szene aber durchwegs renommierten Künstler vorgestellt.

"Art of Speed" ist nach "White Dunk" - einem Projekt, in dem sich 25 japanische Künstler vom gleichnamigen Basketballschuh inspirieren ließen - eine weitere Nike-Künstler-Aktion, die nicht wirklich in herkömmliche Marketing- oder Sponsoringkategorien passen will. "Es geht uns schlicht um Innovation", sagt Drieke Leenknegt im holländischen Nike-Headquarter, "mit Kunst-Sponsoring hat das Ganze nichts zu tun." Womit aber dann?

Die nur am Rande mit Nike-Produkten oder dem Nike-Swoosh operierenden Filme, die ansonsten von frei produzierten Computer-Animationsarbeiten nicht zu unterscheiden sind, werden zwar in Rom und Paris auf Society-Events gezeigt und laufen auf dem Londoner Festival von onedotzero, auf anderen Festivals oder in Galerien sind sie nicht zu sehen. Hauptdistributionsmedium der 15 Speed-Trailer ist das Internet. Und das eignet sich - vor allem angesichts von Nike's Zielpublikum - dafür hervorragend.

"Natürlich ist ,Art of Speed' eine Marketingaktion, auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach ausschaut", bestätigt denn auch der künstlerische Leiter der Ars Electronica Gerfried Stocker: "Nike hat eine hochattraktive Website für ein junges, urbanes Publikum, bzw. für jene, die das sein möchten. Man kann davon ausgehen, dass jene Menschen, die Nike erreichen will, damit auch erreicht werden."

Die Demonstration einer gewissen Nähe zu Entwicklungen, die im Umkreis neuer Computertechnologien, neuer visueller Umsetzungen vonstatten gehen, ist für einen Konzern wie Nike unabdingbar. Nur dadurch kann der Swash seinen Fetischcharakter in einem von Distinktionen dominiertem Markt aufrechterhalten. Ob künstlerisch dabei auch noch etwas herausschaut, ist eher zweitrangig. "Die Ergebnisse von "Art of Speed" sind ambitioniert, aber nicht wirklich umwerfend," konstatiert denn Gerfried Stocker, "wichtiger ist, dass hier wirklich gute Künstler endlich auch einmal Geld für ihre Arbeiten kriegen."

Davon gibt es in diesem Bereich viel zu wenig, wie auch Dean Di Simone von der interdisziplinären Design-Plattform KDLAB aus New York City beklagt. "Was uns Nike hier bietet, ist eine gute Gelegenheit, uns auch in der Szene selbst besser zu vernetzen." KDLAB selbst haben mit ihrem zwei Minuten und fünf Sekunden dauernden Film "Les Jumelles" einen der interessantesten Beiträge vorgelegt: Eine Athletin verlässt eines Morgens ihr Haus um joggen zu gehen. Während des halbstündigen Laufs altert ihre Umgebung, als wäre sie Jahre unterwegs gewesen. Der mit 3-D-Animationen arbeitende Film hat zudem (für Nike) den Vorteil, dass die Produkte des Konzerns recht explizit ins Bild gerückt werden. Die Beiträge als Werbungen zu benutzen, schließt Drieke Leenknegt allerdings aus: "Das Ziel dieses Projekts war ein anderes. Wir wollten einfach interessante Computerarbeiten zum Thema Geschwindigkeit generieren. Das Wort ,Speed' bringt die Philosophie Nikes auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner."

Ein Gespür für Geschwindigkeit bewies Nike auch prinzipiell mit seinem Projekt. "Kurzfilme im Internet sind ein neuer Trend", sagt Stocker: "Nehmen wir nur den Wettbewerb ,Bush in 30 Seconds', bei dem Kurzfilme gegen die Wiederwahl von Bush initiiert wurden." Auch hier funktionierte die Verbreitung im Internet bestens. Auch wenn es sich in diesem Fall wohl eher um eine Marketing-Aktion gegen Etwas gehandelt hat. (hil/RONDO/DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2004)

  • Computerkünstler, die ihre Kreationen unter Nike's Label stellen: Zwei Stills aus KDLABs Beitrag "Les Jumelles", ...
    still: nike

    Computerkünstler, die ihre Kreationen unter Nike's Label stellen: Zwei Stills aus KDLABs Beitrag "Les Jumelles", ...

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  • ...Stills der Asia-Kalifornier Saiman Chow und Han Lee, ...
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    ...Stills der Asia-Kalifornier Saiman Chow und Han Lee, ...

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  • ...ein Bild aus dem Beitrag der New-Yorker-Formation Honest und ...
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    ...ein Bild aus dem Beitrag der New-Yorker-Formation Honest und ...

  • ... ein Beitrag von Stefan Nadelman, ebenfalls aus New York.
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    ... ein Beitrag von Stefan Nadelman, ebenfalls aus New York.

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