Das Beispiel wird manchmal schneller geliefert als das Bier

15. Juni 2004, 21:50
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Hinter den Erfolgen der Sportnation Schweden steckt System, an dem sich Österreich orientieren könnte

Lissabon - Der Sonnenschein muss wie die "Out of beer"-Schilder vor Lokalen im ganzen Land darauf zurückzuführen sein, dass die lieben Fußballfans immer so brav alles austrinken. Vorbildlich zeigten sich in Lissabon die Schweden, sie standen selbst den Engländern um nichts nach, tauchten die "Docas" am Rio Tejo in ein Meer von gelben Schals und Fahnen, sangen "We all live in a yellow submarine" und tranken so lange, bis es nichts mehr zu trinken gab.

Man muss im Winter nicht unbedingt Saalbach oder Zell/ See besuchen, um sich an den Skandinaviern zu orientieren. Schweden ist eine Sportnation par excellence, das sensationelle 5:0 über Bulgarien, der Fußball an sich steht nur als pars pro toto da. Die Erfolge des 8,9 Millionen Einwohner starken Landes sprechen für sich und sind sonder Zahl, man denke an Tennis, Handball, Eishockey, Langlaufen, Tischtennis, Segeln, Leichtathletik, Golf et cetera.

Auch im Fußball sind die Schweden seit jeher eine Macht, wie der ÖFB feiert der SFDF (Svenska Fotballdomareförbundets) heuer seinen 100. Geburtstag. Wie Österreich zählte Schweden zu den ersten FIFA-Mitgliedern, wie Österreich feierte Schweden in den Fünfzigern den größten Erfolg (WM-Silber 1958), doch ganz anders als Österreich stellt Schweden nach wie vor etwas dar. Bei der EM 1992 schaute ebenso wie bei der WM 1994 der dritte Platz heraus. Das Out in der WM-Qualifikation für 1998 (gegen Österreich) war ein Ausrutscher. Österreich hat an sieben, Schweden an zehn WM-Endrunden teilgenommen.

Beim ÖFB sind 285.000 FußballerInnen in 2309 Vereinen gemeldet, beim SFDF 214.442 FußballerInnen in 3163 Klubs. Das SFDF-Motto lautet: "Ein Klub in jedem Dorf", doch dieses Motto allein kann nicht den Unterschied ausmachen. "Der Unterschied liegt in der Einstellung der beiden Länder zum Sport", sagt der Schwede Lars Bergström, der den KAC und Österreichs Eishockey-Nationalteam betreute und an Universitäten in beiden Ländern doziert. "In Schweden investiert man in den Sport, weil er zum Wohlbefinden der Bevölkerung einen wichtigen Beitrag leistet und gesunde, zufriedene Menschen den Staat weniger Geld kosten als kranke, unzufriedene."

Späte Spezialisierung

Schon in den Schulen, von denen viele mit Sportvereinen kooperieren, wird einiges bewegt. Bergström: "Dabei erfolgt die Spezialisierung später als in Österreich. Wer jünger ist als 16 Jahre, soll gleichzeitig diverse Sportarten ausüben. So werden einseitige Belastungen vermieden, sowohl physische wie psychische." Österreich, sagt Bergström, kommen viele Talente abhanden, weil sie nach etlichen Jahren Drill mit 17 ausgebrannt das Handtuch werfen.

In Portugal verfügt der Fotbolldomareförbundets mit Henrik Larsson, dem zweifachen Traumtorschützen gegen Bulgarien, und Zlatan Ibrahimovic über ein Angriffsduo, das seinesgleichen sucht. Larsson (32), der seine Teamkarriere schon beendet hatte, ließ sich von Sohn Jordan (6) zum Rücktritt vom Rücktritt überreden. Nach sieben Jahren in Schottland und 242 Goals in 315 Spielen für Celtic Glasgow sucht er einen neuen Verein, der könnte FC Barcelona heißen. "Die Entscheidung fällt nach der EM, jetzt konzentriere ich mich auf das Turnier", sagt Larsson. Es wird, wenn er so weiter tut, seinem Marktwert nicht schaden.

Das schwedische 5:0 über Bulgarien war der zweithöchste EM-Sieg nach dem niederländischen 6:1 gegen Jugoslawien bei der Endrunde 2000 in Belgien und den Niederlanden. Ebendort erlebten die Schweden eine Enttäuschung, als sie nur den letzten Gruppenplatz erreichten. Der Vertrag von Lars Lagerbäck und Tommy Söderberg, dem einzigen Trainerduo an der Spitze eines EM-Teilnehmers, wurde dennoch verlängert. Bei der WM 2002 scheiterte Schweden nach dem Gruppensieg (gegen England, Argentinien, Nigeria) an Senegal, dann qualifizierte sich kein anderes Team schneller für Portugal.

Was die sportliche Einstellung und die Begeisterung der Fans betrifft, wird Österreich den Rückstand nicht so rasch verringern. Einzig Saalbach und Zell/See nehmen es locker mit den Schweden auf - und ordern rechtzeitig vor dem Winter genügend Bier. (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe 16. Juni, 2004)

  • Larsson und Ljungberg, Spitzenspieler wie es sie in Österreich derzeit weit und breit nicht gibt.

    Larsson und Ljungberg, Spitzenspieler wie es sie in Österreich derzeit weit und breit nicht gibt.

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