Alleine unter Fremden

15. Juni 2004, 17:00
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Das Projekt "Connecting People" vermittelt Patenschaften für minderjährige Flüchtlinge, die ohne Eltern und Familie nach Österreich kommen

Die Wände von Abbas Jamalis Zimmer sind voller Fußballposter. Er sieht leidenschaftlich gerne fern, verbringt seine Freizeit mit Gleichaltrigen im Park oder in der städtischen Bücherei und würde später gerne Mechaniker werden. Ihn unterscheidet damit recht wenig von vielen anderen 16-Jährigen. Tatsächlich hat er in den vergangenen Jahren aber schon schlimmere Erfahrungen machen müssen als die meisten Erwachsenen. Abbas ist einer von 1400 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Österreich, im Behördenjargon kurz "UMF" genannt. Sein Zimmer mit den typisch jugendlichen Wandverzierungen befindet sich im Caritas-Heim in der Wiener Bernardgasse.

Auf der Flucht

Mit 14 verließ Abbas sein Heimatdorf in Afghanistan. "Nachdem meine Mutter und mein Vater getötet wurden, bin ich geflüchtet", berichtet er. Mehr als einen Monat lang schickten ihn Schlepper zunächst quer durch den Iran, danach in die Türkei und Bulgarien. An der österreichischen Grenze war schließlich Endstation. "Kein Geld, keine Weiterreise", begründeten die Schlepper den unfreiwilligen Stopp. Abbas meldete sich bei der österreichischen Polizei und suchte um Asyl an. Der damals 14 Jahre alte Bub erinnert sich heute genau an die Prozedur. "Ich konnte weder Englisch noch Deutsch, und es gab keinen Dolmetscher. Ich wusste nicht, was man von mir wollte. Dann haben sie meine Fingerabdrücke genommen."

Emotionale Unterstützung

Gestrandet in einem fremden Land und völlig auf sich gestellt begann für Abbas das lange Warten auf das Ergebnis des Asylverfahrens. Er hatte dabei Glück im Unglück: Im Rahmen des Projektes "Connecting People" vermittelte ihn die Asylkoordination Österreich einer Patenfamilie, die viel Zeit mit ihm verbringt. "Die Patenschaften für minderjährige Flüchtlinge sind eine großartige Erfahrung für beide Seiten", erzählt Veronika Krainz von der Asylkoordination Österreich. "Außerdem erleichtert es den Jugendlichen das lange Warten auf den Ausgang des Asylverfahrens, wenn sie von österreichischen Familien emotionale Unterstützung erhalten." Insgesamt 75 Patenschaften konnte die Asylkoordination bisher vermitteln. Die meisten davon verlaufen gut, je nach Familie ist es unterschiedlich, wie eng die Beziehung zwischen Eltern und Patenkind wird. Von sporadischen Besuchen über gemeinsame Urlaube bis hin zu einer Adoption ist schon alles vorgekommen.

Beide Seiten profitieren

Bei Abbas und der Familie Belcher ist die Beziehung intensiv: Gemeinsame Theaterbesuche und sportliche Aktivitäten gehören genauso dazu wie der Silvesterausflug in die Almhütte. Abbas strahlt, wenn er von den gemeinsamen Unternehmungen berichtet. Aber auch dem Paten Pete Belcher ist anzumerken, dass das neue Familienmitglied für ihn keine Belastung, sondern eine Bereicherung darstellt. "Ich habe auf Ö1 von dem Projekt gehört, darüber mit meiner Familie gesprochen und mich sehr rasch dafür entschieden." Die Gründe für das Engagement sind schnell erklärt:

"Die Grenzen in Europa werden immer offener für Kapital, aber immer unüberwindbarer für Menschen", erklärt Pete Belcher. "Es ist ein regelrechter Wettbewerb im Gange - Welcher Staat kann am unattraktivsten sein für Flüchtlinge."

Schlimme Erinnerungen

Die Jugendlichen, die für eine Patenschaft ausgewählt werden und wie Abbas in einer betreuten Wohngemeinschaft unterkommen, haben es im Vergleich zu anderen Flüchtlingen relativ gut. Die Stimmung im Caritas-Haus in der Bernardgasse ist friedlich. In der WG wohnen 16 junge, unbegleitete Flüchtlinge, jeweils in Zweierzimmern untergebracht. Sie kommen aus Afghanistan, China oder Afrika, und haben alle traumatische Geschichten von Gewalt und Krieg erlebt. Trotz der schlimmen Einzelschicksale und der beengten Verhältnisse geht es in der Wohnung recht harmonisch zu. Wenn schon gestritten wird, dann meist über die unterschiedlichen Ess- und Kochgewohnheiten: Die Moslems essen kein Schweinefleisch, die Chinesen kochen den Reis ganz anders als die Afrikaner.

Lange Ungewissheit

Neben Deutschkursen und Freizeitbeschäftigungen bestimmt vor allem ein Thema das Leben der Asylwerber: Das Warten auf den Bescheid am Ende des Verfahrens. Wie lange es bis dahin dauert, ist unvorhersehbar. Drei oder vier Jahre sind keine Seltenheit, die Behörden sind überlastet. "Als ich vor mehr als einem Jahr beim Amt nachgefragt habe, wie lange ich noch warten muss, hat es geheißen: Noch drei Jahre", erzählt Abbas." Vor einigen Wochen fragte er noch einmal nach. Die Antwort war unverändert: Noch drei Jahre.

"Die langen Asylverfahren sind tatsächlich ein großes Problem", bestätigt Veronika Krainz."Es ist demütigend und erniedrigend für die Flüchtlinge, immer wieder vertröstet zu werden." Neben den Wartezeiten ist die Unmöglichkeit des Zugangs zu Bildung und Arbeit die schlimmste Belastung für Asylwerber. Erwachsene haben generell keine Möglichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, Jugendliche bekommen nur mit viel Glück einen Platz in der Schule. "Was hier passiert, ist so widersprüchlich", klagt Veronika Krainz. "Einerseits wird gejammert, dass die Flüchtlinge kein eigenes Geld verdienen, andererseits verbietet man ihnen zu arbeiten. Was bleibt ihnen dann noch übrig?"

Neue Heimat

Abbas sieht einigermaßen optimistisch in die Zukunft. Im Herbst hat er einen Platz im Nachqualifizierungslehrgang der OHS Pachmayergasse bekommen, wo er den Hauptschulabschluss nachmachen kann. Was die Zukunft bringt, hängt vom Ausgang seines Asylverfahrens ab. Zunächst will Abbas in Österreich bleiben und hofft, hier irgendwann arbeiten zu dürfen. Nach Afghanistan zieht ihn wenig, nur seinen Onkel, der dort geblieben ist, würde er gerne wiedersehen. "Ich würde wenigstens gern wissen, ob er noch lebt", sagt Abbas. Das herauszufinden, kann dauern: Ohne Asylbescheid keine Ausreise, ohne Ausreise kein Kontakt - denn die Telefon- und Postverbindungen nach Afghanistan funktionieren nicht. (az)

von Anita Zielina

Das Projekt "Connecting People" wird von der Asylkoordination Österreich und UNICEF organisiert.

Link

www.asyl.at

Infos über das Sommercamp:

Sommercamp der Asylkoordination
  • Abbas Jamali ist das Patenkind von Pete Belcher
    bild: az

    Abbas Jamali ist das Patenkind von Pete Belcher

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