Klassische Ausstiegsdroge

16. Juni 2004, 22:12
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"Leben, Liebe und Tod: Das Werk von James Lee Byars" in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle

Die Frankfurter Schirn-Kunsthalle zeigt "Leben, Liebe und Tod: Das Werk von James Lee Byars". Eine großartige Gelegenheit, endlich mit dem Kunstgenuss aufzuhören.


Frankfurt - Ohne James Lee Byars je persönlich gekannt zu haben, lässt sich für jedermann unschwer feststellen: Der Mann war dem Bewahren gegenüber ganz uneinsichtig. Der wollte das nicht. Der hat seine Ewigkeit lang daran gewerkt, keine Spuren zu hinterlassen. Der hat das mit der "Größe" richtig verstanden. Und dem ist jetzt eine Retrospektive gewidmet. Aus dem "Nichts" heraus. In Frankfurt.

Und dabei hat der fast schon gewonnen gehabt, es fast geschafft. Den hatten schon die Hähne vergessen. Und der Kunstmarkt sowieso. Dort war der ja bloß als Rechtfertigung zu gebrauchen. Als Stellvertreter für einen Künstlertyp, aus dem andere echt Geld gemacht hätten. James Lee Byars ist lieber herumgekommen. Viel herumgekommen. Klar, dass der auch an den wichtigen Orten war, kultivierte Metropolen wie Kassel heimgesucht hat oder Mönchengladbach. Aber im Grunde war dem die Ruhe wichtiger.

James Lee Byars - das war so einer, der irgendwann einfach irgendwie da war, und man wusste: Das ist bloß ein Aufenthalt! Der geht gleich wieder. Der ist - wenn überhaupt - ganz woanders zu Hause. Nicht, dass der jetzt den Stillen gegeben hätte. Der saß nicht geduckt in irgendeinem Eck herum. Der war schrill. Der hat meistens einen goldenen Anzug angehabt. Und einen Zylinder auf. Oder sonst einen Hut, der einem einfach auffallen musste. Aber es war ja auch die Zeit des Joseph Beuys. Und die beiden waren Freunde. "Great Joseph", so begann immer wieder einmal ein Brief, der mit "Love and luck, James Lee" endete. Das Dazwischen ist nachzulesen, weil unter anderem die Familie van der Grinten tatkräftig einen Narren an James Lee und an Joseph gefressen hat.

Zu deren Lebzeiten. Und danach. Und so ist vieles überliefert. Obwohl: Der James Lee hat sich ja zu Lebzeiten selbst bestattet. Der ist stellvertretend für uns alle mit gutem Beispiel vorausgegangen. Der hat sich im goldenen Anzug in eine mit Blattgold ausgeschlagene Gruft gelegt. Und war dann, wie man sich unschwer vorstellen kann, auf einmal weg. Bloß, akzeptiert hat das keiner. Weil die Leute eben nicht an der Idee, sondern an James Lee Gefallen fanden.

Weil es dem Kunstfreund eben so schwer fällt, einen Künstler ernst zu nehmen. Weil der Kunstfreund bis heute grob fahrlässig das Sammeln mit dem Konsequenzenziehen verwechselt. Weil der sich einfach freikauft. Man muss sich das einmal vorstellen: Da versucht einer wie der James Lee sich final die Decke über den Kopf zu ziehen (wenn man so will: stellvertretend). Und was machen die Deppen an seinem Grab? Sie applaudieren. Die wecken den glatt wieder auf. Oder (genau so schlimm): Der Mann gibt uns ein Zeichen, baut in absolut großherzig pädagogischem Entgegenkommen The Rose Table of Perfect ("Der vollkommene Rosentisch"), eine Kugel, rundum gespickt mit 3333 Rosen. Und was machen wir? Ergötzen uns daran, schnuppern, versammeln uns um genau jene Tafel, die sich doch selbst genügt, die überhaupt nur materialisiert wurde, damit wir das endlich begreifen.

Ewig flüchtig

Dekor, kann man James Lee Byars ohne weiteres als Aussage unterstellen, genügt sich selbst. Sofern es gut ist. 1000 venezianische Glaskugeln hat James Lee zu einem floralen Ornament gefügt. Und man kann nur eines sagen: Es braucht uns nicht!

Und bevor jetzt irgendjemand glaubt, der Mann wäre schlicht unfähig gewesen, sein Leben in die Hand zu nehmen, folgende Begebenheit: Da stand der 1994 in seinem Goldlamé-Anzug, trug einen schwarzen Hut, ebenso unbunte Hand- wie Lackschuhe und lächelte kurz und flüchtig. Womit alles gesagt war - und sich ein Problem ergab: Wie lässt sich dieses heilkräftige Lächeln, das jeder beherrscht, von der ausübenden Person trennen? Was ist ein Perfect Smile? Und lässt sich dieser Moment isolieren?

Byars hat sein Lächeln auf Film gebannt. Eine vierundzwanzigstel Sekunde lang unterbricht seine Geste die endlose Schwarzblende. Und Byars hat sein Lächeln dem Sammlerpaar Ludwig vermacht. Jetzt ist es als Leihgabe, bestens konserviert, in der Frankfurter Schirn. Es ist tot, hat aber einen enormen Marktwert.

Jedenfalls aber ist die James-Lee-Byars-Retrospektive - sie heißt Leben, Liebe und Tod und wurde von James Lees Nachwelt wider dessen "I cancel all my works at death" veranstaltet - eine der besten Ausstellungen, die man sehen kann, wenn man ernsthaft vorhat, nie wieder Kunst zu konsumieren.

Und was wird passieren? Ausstellung um Ausstellung werden wir auch weiterhin fortfahren, Künstler nicht ernst zu nehmen. Voller Begeisterung.
(DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2004)

Von
Markus Mittringer

Link

schirn-kunsthalle.de

Bis 18. Juli

  • Das Vollkommene, dachte James Lee Byars recht traditionell, ist bloß im Augenblick des Zusammenfallens von Leben, Tod, Glück und Tragik zu finden. "The Book of 100 Perfects", 1985"
    foto: schirn

    Das Vollkommene, dachte James Lee Byars recht traditionell, ist bloß im Augenblick des Zusammenfallens von Leben, Tod, Glück und Tragik zu finden. "The Book of 100 Perfects", 1985"

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