Ruzickas Kritik an aktuellen Regiekonzepten

23. Juli 2004, 19:55
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Salzburger Festspielintendant im Vortrag zu Musiktheater und "Zweite Moderne"

Salzburg - "Giovanni als Reeperbahn-Zuhälter, Cavaradossi als Proto-Mussolini, Wotan als kaltschnäuziger Konzernchef, Jochanaan als Gefangener in Guantanamo. Aber meist sagen uns die Komponisten sehr viel Komplexeres, als über solche Kurzschlüsse zu erreichen ist." Dies ist ein Teil einer Kritik an der Oberflächlichkeit des modernen Regietheaters in der Oper, die der Intendant der Salzburger Festspiele, Peter Ruzicka, in seinem Vortrag "Die Zweite Moderne" Dienstagabend in der Salzburger Universität formulierte.

"Postmoderne Regie an einem gewissen Endpunkt"

Die Postmoderne, so notwendig sie als Antwort auf eine wenig tolerante Moderne gewesen sei, so trivial und oberflächlich präsentiere sie sich bisweilen, argumentierte Ruzicka: "Das künstlerische Ausdrucksvokabular ist 'allverfügbar'. Das birgt die Gefahr, sich in diesem 'Material' zu verlieren. In dieser Auseinandersetzung können wir uns selbst abhanden kommen. Wir zitieren nur noch. Ich wende mich damit gegen eine Form von Musiktheater, die zu einem Werk lediglich 'Ideen' anbietet, subjektive Assoziationen und historische Anspielungen, die dem Zuschauer sozusagen Anlässe geben, die Sache selber zu Ende zu denken. Ich bin da im Gegenteil der Auffassung, dass wir Künstler eine Sache zuerst einmal selber sehr genau zu Ende gedacht haben müssen, bevor wir dem Zuschauer zumuten dürfen, unseren Gedanken zu folgen."

Ruzicka kritisierte auch die "Fledermaus" von Hans Neuenfels, die 2001 "einen veritablen, allerdings wohl beabsichtigten Skandal" ausgelöst hatte. "Ich selbst habe diese Inszenierung als Signal dafür bewertet, dass die postmoderne Musiktheaterregie an einen gewissen Endpunkt gekommen ist."

"Zweite Moderne"

Und doch, Ruzickas Begriff der "Zweiten Moderne" ist keineswegs eine Absage an das moderne Regietheater mit all seinen Ausdrucksmitteln. Im Gegenteil: Ruzicka will die verantwortungsbewusste Moderne, die das Publikum weder oberflächlich mit verkürzten Sinnzusammenhängen befriedigt, noch arrogant vor den Kopf stößt: "Und dazu gehören auch die wunderbar reichen szenischen Kommentierungsverfahren, die die Postmoderne mit ihrer hohen Sensibilität für symbolische Materialien aller Art hervorgebracht hat. Ja - ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass hinter dem großen Wort einer Zweiten Moderne am Ende vielleicht nicht mehr steckt als das, was die Postmoderne in ihren intelligentesten Ausprägungen längst hervorgebracht hat. Denn die Etablierung einer Zweiten Moderne im Musiktheater hat nach meiner Vorstellung nichts mit dem zu tun, was Traditionalisten und ästhetisch 'ewig Gestrige' unter einer 'werkgerechten' Inszenierung verstehen." (APA)

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