Große Welt auf kleinem Raum

18. Februar 2000, 09:35

Steuerparadies und Sonnenschein - in Monaco sind die Einheimischen in der Minderheit.

Harald Steiner

Ein Land, in dessen Nationalmuseum ausschließlich Puppen und Automaten ausgestellt sind; ein Land, dessen wichtigstes Bauwerk ein Spielcasino ist; ein Land, dessen nationale Identität untrennbar mit Tennisturnieren und Autorennen verbunden ist; ein Land, dessen Innenpolitik zahllose Arbeitsplätze in der Regenbogenpresse garantiert –das ist Monaco, zweitkleinster Staat der Welt (Liechtenstein ist achtzigmal größer).

Die Gründungslegende wurde auf dem Staatswappen verewigt: Der genuesische Aristokrat Francesco Grimaldi soll im Jahr 1297, als Mönch verkleidet, den monegassischen Burgberg eingenommen und die mit seiner Sippschaft verfeindeten Bürgerkriegsparteien der ligurischen Handelsrepublik Genua aus Monaco verjagt haben. Seine Nachfolger betrieben dann nicht nur eine geschickte Schaukelpolitik zwischen Savoyen, Frankreich, Spanien, dem Kirchenstaat und Sardinien, sondern konnten auch noch ihr Territorium erweitern.

1866 wurde das kleine Steinplateau unterhalb des Felsens von Monaco mit seiner Altstadt und dem von starken Mauern geschützten Fürstenpalast nach dem damaligen Souverän Charles auf den Namen "Monte Carlo" getauft, und es begann ein Bauboom, der bis heute anhält und jedes noch so kleine Fleckchen Felsengrund zu einer gewinnbringenden Bauparzelle gemacht hat.

Da, wo sich in anderen Städten eine Kathedrale erhebt, steht in Monte Carlo das Casino, nach wie vor ein wichtiger Posten im Wirtschaftsimperium. Ein prächtiges Gebäude im Stil der Belle Epoque, das übrigens nicht nur eine Stätte des Glückspiels ist, sondern auch ein Opern- und Konzerthaus.

Das Fürstenschloß, das nur in Abwesenheit der Grimaldis besichtigt werden kann, ist stilistisch ein Bastard: Erbaut im 16. Jh. rund um einen Arkadenhof mit Marmor-Doppeltreppe und Renaissance-Fresken, wurde es um die Zeit des ersten Casino-Booms mit allerlei Mittelalter-Schnickschnack dekoriert. Operettig geht es zur Mittagsstunde bei der blasmusikuntermalten Wachablöse der fröhlich uniformierten Schloßgarde zu.

Champagner-Mord Vom Burgfelsen in das Hafenviertel hinabgestiegen, kann der Fußgänger, der die steilen Hänge zur französischen Grenze erklimmen will, zwischen Treppenwegen und der kräfteschonenden Beförderung mit dem Lift wählen. Unterwegs kommt man an repräsentativen Villen und gepflegten Gärten vorbei, als Ziel lohnt es sich, die hängenden Gärten des Jardin Exotique anzusteuern. Dort genießt man einen prächtigen Blick auf das Panorama des gesamten Fürstentums und kann Tausende Kakteen und Sukkulenten bewundern.

Die Nachfahren der Ur-Monegassen haben hohe Ansprüche in puncto Lebensqualität. Selbst die Insassen des staatlichen Gefängnisses in den Kasematten der Altstadt erfreuen sich des wohl größten Luxus, den die Kerker dieser Welt zu bieten haben, werden sie doch gourmetmäßig aus der Schloßküche mitverköstigt. In den Genuß dieses bemerkenswerten Strafvollzugs kommen allerdings nur Übeltäter monegassischer Staatsbürgerschaft, alle anderen werden in die ungemütlichen Zellen ihrer Heimatländer abgeschoben.

Vor ein paar Jahren erschütterte gar eine Mordtat die kleine Gemeinde der 5000 Einheimischen, die in ihrem eigenen Land eine 20-Prozent-Minderheit bilden: Ein Monegasse erschlug seinen Widersacher, als Tatwaffe bediente er sich – einer Champagnerflasche! Auch ein Krimineller weiß sichtlich, was er dem Savoir-vivre seiner Heimat schuldig ist! •

 

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  • Artikelbild
    foto: visitmonaco
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