Das große Krabbeln

7. Juni 2004, 19:32
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Früher gab es in Stadtwohnungen im vierten Stock keine anlasslos ab März auftauchenden, unkaputtbaren und gewürzstöckelmordenden Fluginsekten...

Natürlich war früher alles besser. Viel besser. Und nur weil ich mittlerweile genug Lebenserfahrung gesammelt habe, um das nicht nur erkennen, sondern auch bedauern zu können, braucht A. nicht den wie-penisonsreif-bist-du-eigentlich-mittlerweile-?-Blick aufzusetzen. Schließlich habe ich Beweise – und gegen die kann nicht einmal A. viel vorbringen. Schließlich jammert A. ja auch – vor allem dann, wenn sie Basilikum ernten will.

Früher, sage ich ihr dann – während sie das traurig dahinwelkende Grünzeugstöckel in der Küche voll Trauer ansieht und nur ganz knapp an einem Tobsuchtsanfall vorbeischrammt, wenn sich just in diesem Augenblick größten Kummers genau aus der Erde des Basilikums eine jener kleinen, gemeinen, sinnlosen Fliegen erhebt, denen A. die Schuld am Siechtum jeglichen Lebend- und Verspeisegrünzeugs in unserer Bleibe zuschreibt - früher war nämlich alles besser. Da wurde nicht nur nie in Autos eingebrochen und alle Hundescheisse von Hundehaltern entsorgt, da waren auch alle Menschen fröhlich, logen Politiker weniger, regnete es im Mai nur an Werktagen und schmeckte das Brot noch nach Bäcker. Und früher gab es in Stadtwohnungen im vierten Stock auch keine anlasslos ab März auftauchenden, unkaputtbaren und gewürzstöckelmordenden Fluginsekten. Damals eben. In der guten alten Zeit.

Giftgas

Manchmal wirkt das – und A. macht sich nur über mich lustig. Meistens muss ich aber mit ihr ringen: Weil A. nämlich zu Gift greift. Und nicht einsehen will, dass das nichts bringt: Erstens, weil massiv mit Insektengift eingestäubtes Basilikum genauso wenig genießbar ist, wie durch Insekteneinwirkung zerstörte Stauden. Zweitens, weil die Dose sowieso fast leer ist. Und drittens, weil ich den Giftrest selbst brauche. Um Ameisen zu bekämpfen. Die kommen nämlich schon wieder aus dem Parkettboden. Und zwar überall – im Gegensatz zu früher.

Während die Nano- und Fruchtfliegen (A. behauptet ja, es könnten keine Fruchtfliegen sein, weil sie auch auftauchen, wenn wir unsere Wohnung monatelang obst- und gemüsefrei halten) A.s Waterloo sind, sind die Ameisen meines. Drei verschiedene Stämme habe ich identifiziert. In einer Stadtwohnung. Vierter Stock. Balkon-, terrassen- und auch sonst weitestgehend lebendgrünfrei. Wäre es nur Straße über ein Fensterbrett wäre mir das ja egal. Da würden ein paar Kreidestriche oder ein, zwei Fallen genügen.

Parketttiere

Aber meine Ameisen sind keine Straßenameisen: Sie leben unter dem Parkett. Und kommen hervor, wo es etwas zu holen gibt – oder wo sie glauben, etwas abholen zu können. Also überall dort, wo ich arbeite, lese oder fernsehe: Sobald die ersten Frühlingssonnenstrahlen auf meinen verschmierten Fensterscheiben „die sollten wohl auch wieder mal geputzt werden“ schreiben, krabbelt es. Als A. mich da das erste Mal mit der Spraydose wüten sah (in meiner Wohnung lebt nur, wer mir zu Gesicht steht – auch wenn ich dabei draufgehe), meinte sie, ich möge doch entweder einen Kammerjäger zu engagieren – oder aber die paar Tiere in Frieden lassen. Die dritte Möglichkeit wäre, den Boden heraus zu reissen, den Bauschutt darunter zu entsorgen und einen neuen Estrich zu verlegen. Wegen einer Handvoll Ameisen. Dann floh sie auf den Gang.

Was A. damals - noch – nicht wusste: Plan C hatte ich schon durch. Wegen des anderen Ameisenvolkes. Jedes Jahr im Frühling war meine Küche plötzlich schwarz. Voll mit geflügelten Ameisen. Irgendwo in einem anderen Teil des Hauses war das Nest. Wenn die Ameisen ausschwärmten taten sie das entlang der alten Rohre. Meine Wohnung war der erste mögliche Austrittspunkt. Das erklärte mir der jährlich konsultierte Schädlingsbekämpfer. Er riet mir zu einer Generalsanierung. Die Entscheidung, unsere Wohnung nicht auf Kategorie C-Level zu belassen, wurde durch diesen Hinweis entscheidend beeinflusst.

Das Floriani-Prinzip

Seither ist Ruhe. Was Küche und Bad angeht, hat das Floriani-Prinzip funktioniert: Neulich hörte ich durch Hof entsetztes Kreischen aus einem anderen Stockwerk – ich konnte das Wort „Ameisen“ herausfiltern. Als ich dann meine Nachbarn mit wissendem Blick vorbeigehen sah, wusste ich endlich, warum sie angesichts meiner Ameiseneinfälle früher so zufrieden gewirkt hatten. Auch ich lächelte. Aber immerhin habe ich dem neuen Nachbarn in der jahrelang leer stehenden Wohnung einen Zettel an die Tür gepint. Mit der Nummer meines Kammerjägers.

Nur die Sache mit dem Basilikum macht mir Sorgen. A. hat mir neulich nämlich gesagt, ich solle mich wegen der paar Pestizide nicht so aufregen – schlimmer als das, was auf und in unserem Obst daherkäme, könne das auch nicht sein. Ich hätte das jahrelang unhinterfragt gegessen – und trotzdem überlebt. Und das, obwohl früher doch alle so viel besser gewesen ist.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas RottenbergJede Woche auf derStandard.at/Panorama

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, € 14,90
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