Arthur Schnitzler: "Traumnovelle"

4. Juni 2004, 20:03
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Der zwölfte Band der "Süddeutschen Bibliothek" - vorgestellt von Lothar Müller

Am Anfang liest ein Kind sich selbst in den Schlaf. Ein orientalischer Prinz, den Galeerensklaven zum Palast des Kalifen rudern, liegt unter einem dunkelblauen, sternenübersäten Nachthimmel auf dem Verdeck. Was sein Blick dabei erfasst, erfährt der Leser nie, denn nach einem Gedankenstrich fallen dem Kind die Augen zu - die Eltern, der Arzt Fridolin und seine Frau Albertine, lächeln einander an, nehmen ihr Gespräch wieder auf und geraten dabei in heikle Gefilde.

Den geheimnisvollen Nachthimmel, der sich über abgebrochenen Abenteuern wölbt, wird das eigentümlich zeitlose Wien in Arthur Schnitzlers Traumnovelle (1926) nicht mehr los. Alles steht hier, bis zum versöhnlichen Ende, an dem die Eheleute weise Sentenzen austauschen, unter dem Gesetz der Zweideutigkeit. Nichts gewinnt den scharfen Umriss, den die Novellenform verspricht, an die Stelle der einen unerhörten Begebenheit treten Episoden, immer neue Unterbrechungen, Abschweifungen.

Der Erzählfaden, an dem sie aufgereiht sind, führt immer tiefer in das Labyrinth der Nacht hinein. Das beginnt mit dem Versuch der Eheleute, den am Vorabend auf einer Redoute erlebten unheimlichen Reiz der Masken und ihr Versprechen anonymer Liebesabenteuer durch rückhaltlose Aufrichtigkeit zu bannen. Die wechselseitigen Geständnisse nicht ganz unernster Spiele mit Verlockungen der Untreue aber wirken alles andere als beruhigend. Die Spannung, die aus dem Allheilmittel aller Eheberater, dem ernsten Gespräch, entsteht, bleibt unaufgelöst.

Fridolin, ein übrigens durchaus mittelmäßiger Arzt, dessen wissenschaftliche Ambitionen in Lethargie erstickt sind, wird in das Haus eines Kranken gerufen, das sich bei seiner Ankunft bereits in ein Sterbehaus verwandelt hat. Den Avancen der Tochter des Toten folgen auf der Straße die einer jungen Prostituierten. So gleitet der bürgerliche Arzt und Ehemann, geleitet von einem Freund aus der Studienzeit, vorbei an Tod und Dirne, hinein in die längste Episode der Nacht, im Durchgang durch einen Kostümverleih, der zugleich Bordell ist, in schaukelnder Kutsche und Mönchsgewand stadtauswärts, als ungebetener Gast einer feudalen Geheimgesellschaft, die in einer Villa nach strengem Ritual ihren Maskenball als Feier der anonymen Lust inszeniert.

Was dort geschieht und wie der ertappte Flüchtende, wiederum an Dirne und Tod vorbei, nach Haus findet, sei nicht verraten. Arthur Schnitzler (1862-1931) hat diesen Stoff seit der Jahrhundertwende mit sich herumgetragen, durch die Krisenjahre seiner Ehe hindurch, erst nach der Scheidung hat er die Traumnovelle ausgearbeitet. Seine großen Obsessionen sind in dieses Spätwerk eingegangen: die promiske Sexualität, das Theater und die Literatur. Die Traumwelt, die alle drei verbindet, schreibt in dieser Novelle der Darstellung des Lebens die Gesetze vor. Aber es sind die Gesetze des Erzählers Schnitzler. Die Nachwelt sieht ihn gern als Doppelgänger Freuds, der dem in einem Brief an den Autor selbst Vorschub geleistet hat. Aber dieses Doppelgängertum war nur Maskerade: Die Traumnovelle ist eine glanzvolle Selbstbehauptung der Literatur gegenüber der Psychoanalyse. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.6.2004)

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    foto: buchcover
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