Selbstmordgefahr bei Jugendlichen steigt

17. Juni 2004, 13:56
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Immer mehr Kinder und Jugendliche verletzen sich selbst, leiden unter Depressionen und suchen Hilfe bei Beratungsstellen

Die Selbstmordraten schwanken in Europa zwischen 11 und 36 pro 100.000 Einwohnern, wobei die höchsten Ziffern in Europa auch weltweit die höchsten Raten sind. Österreich liegt mit 27 Suiziden pro 100.000 bei Männern und zehn bei Frauen in der Statistik weit vorne.

Nach eigenen Angaben weisen österreichische Hausärzte immer mehr junge Menschen an Psychologen weiter. Lehrer suchen wegen Verhaltensauffälligkeiten in den Schulen verstärkt die Hilfe von Experten auf, erklärte der Salzburger Psychotherapeut Johannes Pausch im Gespräch mit der APA. Die Krisenintervention Salzburg verzeichnet derzeit einen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter. Im Zunehmen sind auch Selbstverletzungen bei Kindern, warnt Reinhold Fartacek, Leiter der Krisenintervention an der Salzburger Christian-Doppler-Klinik.

Bedrohliche Zahlen

Jährlich sterben in Österreich mehr Menschen von eigener Hand als nach einem Verkehrsunfall. Im Jahr 2002 wählten 1.551 den Freitod, darunter 50 Kinder- und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren. Zahlen über Selbstmordversuche gibt es nicht, an einer zuverlässigen Statistik wird noch gearbeitet. Doch aus der Praxis sind gewisse Tendenzen feststellbar.

Im Salzburger Flachgau machten innerhalb weniger Wochen gleich drei Kinder mit Suizidversuchen auf sich aufmerksam, berichtete Johannes Pausch, Superior des Klosters Gut Aich und Leiter des Hildegardzentrums in St. Gilgen. Auch die Krisenintervention Salzburg verzeichnet derzeit einen Anstieg an Patienten im Teenager-Alter, die nach der Verzweiflungstat die Station aufsuchen. "Wir sind bekannter geworden, es kommen viele freiwillig zu uns", begründete Fartacek die steigende Nachfrage nach therapeutischer Behandlung.

Vorbeugung hilft

Dass psychologische Betreuung in vielen Fällen einen Suizid verhindern kann, zeigen zahlreiche Studien. Im Weltgesundheitsbericht 2001 wird anhand wissenschaftlich erhärteter Fakten dargelegt, dass einige psychische Störungen zwar chronisch und von langer Dauer sind, dass die an psychischen Störungen leidenden Menschen aber bei richtiger Behandlung ein produktives Leben führen und am Leben ihrer Gemeinschaft teilhaben können. Bis zu 60 Prozent der unter Depressionen leidenden Menschen können mit der richtigen Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie wieder gesund werden. Studien aus den nordeuropäischen Ländern belegen einen Rückgang der Selbstmordraten um 20 bis 30 Prozent, nachdem die niedergelassenen Allgemeinärzte darin geschult worden waren, Depressionen zu erkennen und richtig zu behandeln.

Selbstverletzung als Hilferuf

Zunehmend ist neben den Suiziden auch der Hang zur Selbstverletzung bei Jugendlichen, bestätigen Fartcek und Pausch unisono. Die Ursachen dafür liegen häufig in den traumatisierenden Erlebnissen im frühen Kindesalter. "Das Gehirn weist eine hohe Plastizität auf und ist durch äußere Einflüsse sehr veränderbar", erläuterte der Primar. Schwere Krankheiten, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und mangelnde Kommunikation in der Erziehung, nicht selten verursacht durch stundenlanges Fernsehen oder Computer Spielen, gelten als deutliche Risikofaktoren für spätere Selbstmordversuche. Oder sie veranlassen die Kinder und Jugendlichen, sich selbst Wunden zuzufügen. Das Ausdrücken brennender Zigaretten auf der Haut und das Einritzen mit einem Messer seien als Hilferufe zu verstehen.

Früher depressiv

Waren im Jahr 1950 nach Angaben der WHO noch 40 Prozent der Selbstmörder unter 45, sind es heute schon 55 Prozent. Als Grund für die immer früher auftretenden Depressionen nennen Experten die frühere Pubertät und zerfallende Familienstrukturen. Bei funktionierender Kommunikation in der Familie mit gemeinsamem Besprechen von Sorgen und Problemen ist es für Jugendliche viel leichter, eine Krise zu überwinden. (az,apa)

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