PJ Harvey: Der Zorn, das Leid, das Leben

7. Juni 2004, 19:24
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Die britische Autoren- Punkerin entdeckt auf "Uh Huh Her" wieder die dunkel-düstere Selbsttherapie

Ein alter Mythos des Pop-Gewerbes besagt, dass die Beschäftigung mit inneren Dämonen auch der Reinwaschung diene. Schreiben als Akt der Befreiung, als erlösend empfundenes Umkreisen von Pein und Not und Rock'n'Roll. Wo solche Heilslehre verbreitet wird, ist naturgemäß auch das Pathos schnell auf den Plan gerufen. Man erinnere sich nur an altvordere Größen wie die metaphernverhangene Patti Smith und ihre dem Schaffen von PJ Harvey vorausgegangene und oft herbeizitierte große Kunst des Outrierens: die Technik des Herzens auf der Zunge. Dieser verdankt die britische Musikerin PJ Harvey seit den frühen 90er-Jahren einiges. Spätestens mit Arbeiten wie Is This Desire? oder To Bring You My Love zählt die manische Gitarristin und Sängerin zu den Fixgrößen im Genre.

Mit Songs, die sich einerseits auf alte Blues-Klassiker von Memphis Minnie ebenso berufen, wie hier der harschen Weltabsage mit brutal geholztem Punk Tribut gezollt wird und einer künstlerischen Selbstausbeutung, die man sonst nur vom monomanischen Avantgarde-Leid eines Cpt. Beefheart oder Nick Cave kennt, bricht sich die Mittdreißigerin seit gut einem Jahrzehnt als selbstbestimmte wie -entworfene Kunstfigur der reflektierten Schmerzensfrau eine Bahn. In der wird gern eines verwechselt: Inszenierung und wahres Leben und Leiden sind nicht dasselbe.

Auch das neue, von PJ Harvey weitgehend im Alleingang an allen Instrumenten eingespielte Album Uh Huh Her, ein laut eigener Aussage weitgehend bedeutungsloses Synonym für ein Seufzen über Gott und die Welt, wird einmal mehr genau für diese vom Publikum erwartete Haltung einstehen müssen. Nach einer von der Presse als traumatisch rezipierten Beziehung mit besagtem Nick Cave gilt es in der Öffentlichkeit jetzt immerhin, einen neuesten Beziehungsdachschaden zu flicken. Man munkelt über eine schief gegangene Liebe zum kalifornischen Schauspieler und Musiker Vincent Gallo, die frau nur überwinden kann, wenn sie dies künstlerisch eins zu eins in Songs wie The Desparate Kingdom Of Love oder The End erledigt. Zwar würde man solch unverstellte Trauerarbeit bei keinem musikalischen Kollegen verorten oder vermuten. Immerhin durfte ein Nick Cave die Trennung von PJ Harvey einst, von den Musen geküsst und überhöht für die Ewigkeit gebaut, aber persönlich nicht weiter schädigend auf seinem Album The Boatman's Call überwinden. Bei Harvey als gefühlsduseliger Frau und nicht zum kalten Blick der Rache fähig werden dann allerdings Textzeilen gleich als schriftliche Ansuchen um Therapie gedeutet: "Your lips taste like poison, your badmouth killed off all the things we've had." Dabei sei es ihr laut aktuellen Interviews noch nie so gut gegangen wie heute. Wer tatsächlich an sich und seinem Leben leidet, könne schließlich auch nicht in ein Studio gehen und autobiografische Songs aufnehmen.

Mit sperrigen Arrangements zwischen harschen Elektrogitarren-Bluesriffs, minimaler Basstrommel und atmosphärischem Lärm-Beiwerk wird das ganze Album von Harveys eindringlicher, beschwörender Stimme beherrscht. Diese lästert und beklagt zwar die ganze schlechte Welt. Die besteht aber, weiß Gott, nicht nur aus wehklagenden Weibern. Frauen können auch ganz schön böse sein: Cat On The Wall. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2004)

Von
Christian Schachinger
  • P.J Harvey Uh Huh Her
(Island / Universal)
    foto: universal

    P.J Harvey
    Uh Huh Her
    (Island / Universal)

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