Familienfernsehen, so oder so

11. Juni 2004, 13:03
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Was wir dereinst zu sehen bekommen, besichtigen die Senderchefs alljährlich in Los Angeles - Heuer spürten sie Selbstironie

Was wir dereinst zu sehen bekommen, besichtigen die Senderchefs alljährlich in Los Angeles. Heuer spürten sie Selbstironie: "Simpsons"-Sender Fox präsentiert etwa in "American Dad" einen paranoiden CIA-Agenten. Die ORF-Delegation war "positiv beeindruckt".

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Der amerikanische Familienvater von heute: ein paranoider CIA-Agent, der in jedem Passanten einen Terroristen vermutet, der seine 14-jährige Tochter nach Waffen durchsucht und dabei prompt einen verdächtigen Kaugummi findet. "American Dad" entschärft die Bombe, um verdutzt eingestehen zu müssen, dass der Inhalt kaum explosiv war: "Oh, anscheinend doch Kaugummi."

Jahr für Jahr treffen einander Film- und Fernsehleute in Los Angeles, wo TV-Stationen wie ABC, CBS, NBC, Fox, UPN und WB Programmneuheiten vorstellen. Heuer mit Hang zur Selbstironie: Die sarkastische Comicserie um den "amerikanischen Vater" von "Family Guy"-Erfinder Seth MacFarlane etwa wäre "vor einem Jahr noch undenkbar gewesen", meint ORF-Direktor und Screening-Besucher Alexander Wrabetz, der sich von der Qualität des Gebotenen insgesamt "positiv beeindruckt" zeigt.

US-Sender rücken von Bush-Gefolgschaft ab

Demnach rücken US-Sender von bedingungsloser Bush-Gefolgschaft ab, suchen den Ausweg über die Satire. Ausgerechnet der als extrem konservativ geltende Murdoch-Sender Fox zeigt "American Dad". Oder "Lost": Unter den Überlebenden eines Flugzeugabsturzes gibt es einen irakischen Helden.

Dass in Amerikas Wohnzimmern fortan Aufstand und Anarchie gegen Anstand und Moral ausbrechen, steht indes nicht zu befürchten. Ein Trend der letzten Jahre setzt sich nämlich fort: familienfreundliche Programme, bei denen Eltern und Kinder gemeinsam fernschauen.

"Family Friendly Programming Forum"

Nicht zufällig: Dafür sorgt das "Family Friendly Programming Forum". Firmen, darunter der Pharmakonzern Johnson & Johnson, erinnern die Programmchefs regelmäßig daran, dass deren Sendungen durch ihre Werbeeinschaltungen finanziert werden. "Gilmore Girls" etwa, werktags im ORF, ist Produkt dieser Begehrlichkeiten. Und deshalb schießen generationenübergreifende Serien plötzlich wie Pilze aus dem Boden: "Clubhouse" (CBS), "Jack and Bobby" (WB) oder die Soap "The Mountain".

Begeisterung für Reality-TV ungebrochen

Was kommt noch? Die Sitcom scheint ihrem unweigerlichen Ende zuzusteuern, ungebrochen hingegen die Begeisterung für Reality-TV: Donald Trump nimmt erneut in "The Apprentice" Bewerber unter die Lupe, ähnlich Mark Cuban, Eigentümer eines Basketballteams, und Virgin-Gründer Sir Richard Branson.

Was davon auch im ORF zu sehen sein wird, will Wrabetz "bald" verraten. Trotz Sparzwang sei man nämlich keineswegs mit leeren Taschen heimgekehrt. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 2.6.2004)

  • Schon längst ein Trend: die harmonische Mutter-Tochter-Beziehung
in "Gilmore Girls".
    foto: warner/orf

    Schon längst ein Trend: die harmonische Mutter-Tochter-Beziehung in "Gilmore Girls".

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    Ein Trend: „American Dad“, Comicserie um einen CIA-Agenten samt eher problematischer Vater-Tochter-Beziehung.

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