Emotional bedürftig

3. Juni 2004, 17:52
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Es ist, wie bereits mehrmals betont, Mai, aber das muss ja nicht heißen, dass alles immer so maimäßig vor sich geht. Mitunter muss man sich auch mitten im Mai über die Maßen ärgern. Zum Beispiel über die eigene emotionale Bedürftigkeit. Oder über bildende Kunst oder über Troja.

Natürlich verstehe ich die emotional bedürftigen Amerikaner, dass sie an einem Wochenende 52 Millionen an der Kinokasse lassen: Die guten Leutchen wollten zur Abwechslung einmal einen Krieg sehen, der ausschließlich von netten, tapferen Jungs geführt wird. Weit und breit nur Brad, Orlando & Co und nirgends eine Lynndie England und alle Starkstromkabel in der Unschärfe. Was für ein Pech nur, dass die netten Jungs alle sterben mussten und nicht dieser Einfaltspinsel von Drehbuchautor. Oder der kurzsichtige Bühnenbildner. Der hat mir den Film vollends verdorben. Der Clou in der Illias ist ja das Pferd des listigen Odysseus, die elegante Lösung nach zehn Jahren unentschiedenem Hin und Her. Da wartet man zwei Stunden auf das berühmte Trojanische Pferd, und was kommt angerollt? Ein verkohlter Nasenbär! Kaum größer als eine Zwergwyandotte! Bühnenbildner haben oft schlechte Augen, sie gucken ja immer starr zum Regisseur, ob der nun nickt oder ob er sich in unverstandenem Schmerz die Haare rauft, aber man sollte doch in Hollywood in Erfahrung bringen, wie ein gutes Pferd aussieht.

Die ersehnte Wendung des fast schon verdorbenen Abends brachte uns ein Barbesuch, wo wir mitansehen durften, dass auch andere Leute emotional bedürftig sind, aber wenn man es nicht selbst ist, kann das sehr lustig sein.

Lustig wird es demnächst auch in der Kunst - dank R.M. Bürgel. Der in Wien ansässige Kunsttheoretiker ist der Chef der nächsten documenta in Kassel. Oder sagen wir besser Chefkoch? Wer jemals auf einem R.M. Bürgel-Event war, wird sich lebhaft an die geschmackssicher ausgesuchten Käse erinnern, die dort gereicht wurden. Der Käse war so exzellent, dass man sich noch Jahre später daran erinnerte, im Gegensatz zu den dort ausgestellten Künstlern, die gnädig im Meer des erfolgreich Verdrängten versinken durften. Jedenfalls ließ R.M. (Roquefort Münster?) Bürgel verlautbaren, das Motto der nächsten documenta sei Schönheit. Ja, Schönheit. Schon R.M. (Raclette Maria?) Rilke hat gesagt, das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang, und das wird sicher eine schrecklich nach Reblochon de Savoie riechende documenta werden, vollgestellt mit Tableaus und Bühnenbildern, die Camembert- und Geheimratskäse-Werbung verfremden. Tafelfreuden in Öl auf Leinwand, mozzarellierte Stillleben, ein Revival der Chedd-art. Eigentlich fand ich die documenta als deutsche Antwort auf Disneyland nie so rasend interessant. Aber jetzt könnte sie tatsächlich die Antwort auf Appenzell werden. Da fahr ich hin.
Ihre Cosima Reif, Zufallssexkolumnistin
(DER STANDARD/rondo/28/05/2004)

Von Cosima Reif

mailto:zufall
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