Vor lauter Entertainment wird jeder Horror "runtergekippt"

8. Juli 2004, 12:44
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Mit der Filmemacherin Helga Reidemeister sprach dieStandard.at über ihren jüngsten Film "Texas-Kabul. Frauen gegen Krieg"

Am Vorabend der ersten Goldenen Palme für einen Dokumentarfilm sprach die deutsche Autorin und Regisseurin Helga Reidemeister anlässlich der Österreichpremiere ihres Films im Kunstraum Innsbruck mit Petra Nachbaur.
"Texas Kabul. Frauen gegen Krieg" (Ohne Gepäck Berlin /Arte 2004, 93 min.) wird Anfang Juni beim Frauenfilmfestival La Mostra in Barcelona zu sehen sein.

dieStandard.at: Für ein "politisches Roadmovie" ist Ihr Film etwas wenig ‚unterwegs’, ist die Präsenz der einzelnen vier Orte und ihre strukturelle Verzahnung stärker im Vordergrund.
Reidemeister: Stimmt. Den Begriff habe auch nicht ich geprägt, weil ich da Bedenken hätte: Road Movie klingt so easy going: fahr ich von da nach hier ... Aber ich fand’s schlussendlich eine kluge Idee von meinem Verleih, weil "Episodenfilm" ist auch zu wenig. Da kann man doch nicht einfach hinreisen mit einem [verspricht sich] Episodenkrieg, äh, Episodenfilm. Road Movie entspricht eher der inneren Anstrengung, zu sagen, ich will nicht nur in Afghanistan das Elend aufnehmen und die Trümmer, ich will verdammt mal da hin, wo das Ganze angefangen hat. Entspricht der Energie, Europa jetzt nicht auszulassen, weil der inszenierte Krisenherd Kosovo schon die Generalprobe war für Afghanistan. Und Afghanistan Probefeld für den Irak.

dieStandard.at: Könnte "Texas-Kabul" als Essayfilm bezeichnet werden, was nach Frieda Grafe den "Autorenfilm des Dokumentargenres" meint?
Reidemeister: Auf jeden Fall. Der Essayfilm ist ja Suche, ist ein Versuch. Und entstanden in der Auseinandersetzung des Cinema Verité: Wo find’ ich ein Stück Wahrheit in der Realität und versuche, die Wahrheit irgendwie aufklärerisch aufzubereiten.

dieStandard.at: Weder Produktions- noch Rezeptionsbedingungen für Dokumentarfilm sind rosig. Was bedeutet diesbezüglich der Erfolg von Michael Moore: Aufwind, weil neu belebte Aufmerksamkeit, mehr Interesse? Oder Bürde, weil jetzt selbst politisches AutorInnenkino unterhaltsam sein muss?
Reidemeister: Natürlich gibt es eine solche Bürde, aber durch den Quotendruck. Wir verehren ja alle Michael Moore, nur erstens ist er eine Ausnahmeerscheinung, und zweitens sehr amerikanisch. Das ist deren Gangart, die machen alles easy going. Wir freuen uns riesig, dass Michael Moore da ist und dass er frech ist und dass er was auf die Beine stellt. Wobei ich seinen ersten Film ("Roger and Me") am wichtigsten finde, der ist sehr tiefgehend. Gefährlich ist, wenn die Entertainment-Komponente zu stark wird. Wenn man jeden Horror und jeden Schock [macht Trinkbewegungen] auch noch irgendwie runterkippt.

dieStandard.at: Sie selbst kündigten bei der Präsentation in Innsbruck in einem spontanen Einleitungsstatement zu Ihrem Film "Anti-Genuss" an.
Reidemeister: Was ich ganz wichtig finde: Durch diese Entertainment- und Quotenwelle werden die Leute immer unruhiger, lange Bildeinstellungen zu sehen, und das erbost mich so. Sodass ich mit meiner Cutterin gesagt hab, also, die sollen bitte gleich wissen, wo’s lang geht, deswegen tanzt unser kleiner Junge am Anfang – lang! Damit man weiß, jetzt kommt hier nicht Videoschnitt-Art. Und am Schluss der kleine Prothesenjunge, der steht einfach, so lang wie das Bild ist, Schluss, aus, das muss man aushalten, das muss der aushalten, jetzt sollen gefälligst mal die Zuschauer zwei Minuten zuschauen. Und das ist eben völlig gegen die herrschende Sehgewohnheit und die Konzepte der kurzen schnellen Schnitte, insofern auch ein Angriff auf den "künstlerisch gestalteten Dokumentarfilm". Die Bildlängen, den Filmrhythmus sollten wir selber bestimmen! Und nicht die Angst: "Uh, dann zappen die weg ...!"

dieStandard.at: A propos zappen: Welche Rolle spielen die Fernsehsender?
Reidemeister: Ich hatte ein langes Gespräch mit dem Chef von Arte. Der ist regelrecht verzweifelt, dass das Fernsehen, jedenfalls in Frankreich – und bei uns ist das auch so! – seinen Kulturauftrag einfach negiert. Und damit verliert der lange, analytische, "schwierige", wie er auch heißt, künstlerische Dokumentarfilm Sendeplätze. Arte hatte mal 52 Plätze "Grand Format", also das lange Format, wo man selber die Gestaltung und die inhaltlichen Schwerpunkte setzen konnte. Und war vor zehn Jahren finanziell noch halbwegs ausgestattet. Da war ganz anderes möglich. Mit Team und richtiger Ausrüstung, nicht wie jetzt, zu dritt, mit so nem kleinen Ding von Kamera, und alles improvisiert. 175.000 Euro Produktionsgelder wie beim aktuellen Film, das ist ein Irrsinn. Und hinterher die fürchterliche Betteltour, um wenigstens einige Mitarbeiter – einigermaßen, im Bereich der Gewerkschaftstarife, an der untersten Kante bezahlen zu können. Und das ist einfach ... Ein bisschen auch abturnend.

dieStandard.at: Schmieden Sie da überhaupt noch Pläne?
Reidemeister: Und ob. Ich finde den Film ja selber anstrengend zu sehen, weil er so unfertig ist. Jede Station müsste noch vertieft, müsste ein Film für sich werden. Den Balkan würd’ ich vielleicht auslassen, aber eine Trilogie würde ich sehr gerne machen. Indien zur Not auch weglassen. Aber Afghanistan müsste unbedingt einen eigenen Film kriegen, und Amerika auch. Texas-Kabul eben. Und mit meiner ersten Cutterin Elli Förster ("Von wegen Schicksal", "Mit starrem Blick aufs Geld"), die hier nach Innsbruck gekommen ist, um den Film zu sehen und mich wieder zu treffen, würde ich sehr gerne wieder gemeinsam arbeiten.

dieStandard.at: Ihr Film trägt den Untertitel "Frauen gegen Krieg". Nun ist unbestritten, dass viel weibliche Friedensarbeit geleistet wird. Ist die quasi geschlechtsbedingte Zuständigkeit der Frauen für Frieden und Gewaltfreiheit aber nicht auch problematisch? Und rührt nicht auch aus dieser wie selbstverständlichen "Arbeitsteilung" unser Schrecken über die Bilder von folternden Frauen?
Reidemeister: Die Frage ist völlig berechtigt. Es ist nur so, dass ich schon über Jahre in Diskussion stehe mit der Stascha (Zajovic) und den "Frauen in Schwarz" aus Belgrad. Die ich nicht zuletzt deshalb sehr schätze und liebe, weil das die einzige feministische Frauengruppe ist, die ich erlebt hab, wo mit Männern kooperiert wird, wohlgemerkt: dann, wenn die Männer gegen Krieg sind und handeln! Und Stascha hat ja im Film doch ihren Auftritt, wo sie sagt, ohne die Kollaboration der Frauen würden Kriege nicht gelingen. Sie sind Komplizinnen, im Krieg. Und insofern denk’ ich, ist diese mögliche Kritik, dass der Film das aus dem Auge verliert, aufgefangen.
Ich hatte ja schon Angst, der Film ist gar nicht mehr aktuell, durch diese Bilder von fürchterlich sadistischen Frauen jetzt. Es gibt mittlerweile auch Filme über Frauen in der Bundeswehr, bei der Marine, im Bundeswehr-Bataillon: Die eifern immer den Männern nach. Und insofern ist aber schon tonangebend – und ich denke, dass das bei der Foltergeschichte auch noch rauskommen wird – in der Proportion: Da die Männer mehr Macht haben, haben sie mehr Verantwortung. Und was machen sie? – – – Klar, die Frauen stimmen da zu, und grad an der Condoleeza Rice sieht man das, die ist dann der Buhmann, die muss sich dort entschuldigen, die wird vorgeschoben. Das Schlimme ist, dass in unserer patriarchalen Gesellschaft, wo die Männer die Macht haben und mehr Sagen, die Frauen bisher noch keine Phantasie oder keine anderen objektiven Möglichkeiten hatten, als irgendwie so „gut“ zu sein wie die Männer, um ein Stückchen von der Machtposition abzubekommen, von dem Sagen. Das find ich so tragisch. Natürlich sind die Frauen Kollaborateurinnen, fürchterliche. Schon bei Goya in den Capriccios gibt’s die "Krankenschwestern", da hat er ne ganz scharfe Unterschrift geschrieben: "Sie werden wieder zurechtgemacht." Da tragen zwei Krankenschwestern einen Angemetzelten auf der Tragbahre und reparieren den Soldaten. Frauen machen immer mit.

dieStandard.at: Ihr Film verweist über die starken einzelnen Persönlichkeiten hinaus auf die Komponente des Kollektiven. Auf Bündnisse, in der No Global-Bewegung, in Medien- und Sozialprojekten, auf Zusammenarbeit und Zusammenhalt von Frauen, auf Verknüpfungen.
Reidemeister: Ich hab ja noch keine Rückmeldung aus Afghanistan, obwohl ein Kurier der Jamila (Mujahed) die Kassette im März gebracht hat. Aber ich glaube, dass es ihr auch unglaublich gut tun wird, jetzt die Sissy (Farenthold) "kennenzulernen", und zu wissen: Da sitzt ne Frau in Texas, sozusagen neben der Bande, wo das alles entschieden wird. Und die leidet mit ihr, die empfindet mit ihr. Die kann nicht ein Flugzeug sehen, ohne sich zu erschrecken und sich das vorzustellen: Oh Gott, was machen die da jetzt wieder. Das war auch ein Stück weit Energiequelle: Wenn sich jetzt die Frauen über die Kontinente verstehen, verständigen, dass das vielleicht andere Frauen auch ermutigt, sich nicht mehr so einsam zu fühlen. Denn ich kenne die Depressionen, die uns da anfallen als singuläre Frauen bei dieser Männerübermacht, wenn man liest: 150.000 Soldaten da hin, und dann wieder da die Kontingente, das Geld wird abgezogen und in rein oder fast rein männliche Ideen investiert. Und trotz Männerübermacht: Auch, wenn ich weiß, das wird ne Niederlage – wie Sissy (Farenthold) mit ihrer Kandidatur bei den Gouverneurswahlen, oder auch wie unlängst unser Film, als er nicht beim Festival in Houston gezeigt werden durfte, das dachte ich ohnehin. Aber: Man muss die Schritte immer machen und versuchen. Da ist Arundhati (Roy) sehr mutig und vorbildlich, was die sich leistet an offenem, provokantem Denken, das ist ein erster Schritt für uns alle. Die argumentiert scharfsinnig und intellektuell korrekt bis zum Gehtnichtmehr und noch emotional, dass wirklich so viel klar wird und so viel auch aufbricht plötzlich an Frauenpower im guten Sinne, das ist ja alles begründet. Ich finde, dass das bisher auch gemangelt hat, und dass es jetzt viele mutige Frauen gibt, also mehr. Auch in Afghanistan: wieder haben sie um gleiche Rechte gekämpft, und die existieren jetzt am Papier. Auch wenn das gar nicht praktiziert wird, die werden immer noch verheiratet, mit vierzehn oder mit acht, an reiche Clan-Führer, aber sie haben trotzdem in Kabul seit Januar per Gesetz gleiche Rechte. Und das finde ich trotzdem einen Fortschritt, auch wenn’s mit der Realität noch gar nichts zu tun hat. Und da seh ich auch, dass der Film ne Funktion der Ermutigung haben könnte: Dass wir’s versuchen müssen.

dieStandard.at: Im Abspann ist zu lesen von "Projektberatung: Maria Mies" – was hat die große Ökofeministin mit diesem Film zu tun gehabt?
Reidemeister: Kennengelernt hab ich sie 1982 auf meiner ersten langen Reise in Indien mit Frauenfilmen, und da fand ich sie ganz beeindruckend. Habe ihre Bücher und immer wieder Artikel gelesen, dann, "Globalisierung von unten": da hab ich mich so gefreut! Und jetzt hier, Stichwort Road Movie: Beim Problem, wie bring ich die ganzen Brocken zusammen, da bin ich einfach zu Maria Mies gefahren, um Rat. Da war sie mit ihren 73 Jahren grad jüngstes Mitglied von "Attac" geworden und war ganz zauberhaft. Eine starke Stütze, obwohl sie ganz wenig Zeit hatte, aber sie hat mich bestärkt und kontinuierlich ermutigt "Mach das mal!", "Das kriegst du schon zusammen." Sie ist ja auch eine Computer- und Vernetzungs-Größe, hat mich auf die "Women for Diversity" gebracht, mir das Frauenfriedensarchiv in Oberhausen vermittelt und Ellen Diederich, die das leitet, geimpft, sie soll mir mal n bisschen helfen.

dieStandard.at: Wie kam es nach der Auswahl der Stationen zu den einzelnen Gewährsfrauen?
Reidemeister: Obwohl Kollegen immer gesagt haben, du musst nach Palästina, und du musst in den Irak, war meine Entscheidung für die Orte bald klar, und ähnlich für die Personen. Ein Problem waren die USA, nicht erst bei den kaum möglichen Dreharbeiten. Ellen Diederich hätte mir den Kontakt zu Angela Davis hergestellt – Angela Davis, mein Schwarm aus den Sechziger Jahren [lacht]...! Und da hab ich gesagt, nein, ich darf jetzt hier nicht meine 68er-Zeit aufrollen. Sie ist inzwischen emeritiert und macht auch Knastarbeit, Angela Davis, das ist schon auch sehr spannend und wär’ attraktiv gewesen, aber ich dachte: Eine Berühmtheit reicht, sonst denken die Leute noch, ich rase um die Welt und suche berühmte Frauen. Das hat dann dieses, wie heißt das, "Celebrities" – Gottes Willen ...! Und bei Arundhati Roy, nach ihrem Artikel in der FAZ über "Wut als Schlüssel", da ging’s gar nicht anders, ohne sie, weil ich mich in ihren Mut verliebt hatte, und bei Angela Davis dachte ich mir, das kannst dir jetzt verkneifen. Statt ihr stieß ich auf Sissy Farenthold. Ich stellte mich vor als "Helga" und sie fand das so hübsch. Darauf ich: "Mein Vater war Nazi und ich bin 1940 geboren. Das kann man an dem Namen lesen." Sagt sie: "Muss ich mich jetzt für Hiroshima entschuldigen?" Das war der erste Dialog. Ich finde sie großartig, weil das erwartet man nicht: Mit 77, und aus Amerika, und aus Millionärskreisen, und so eine Anteilnahme und so ein Mitdenken und so ein Umgetriebensein durch den Irrsinn dieses Landes, das find ich auch ein großes Geschenk. Jede Frau ist für die andere ein Gewinn.

dieStandard.at: Also Hoffnung?
Reidemeister: Ich hab so lange überlegt, wie verabschied ich mich aus dem Film. Dann hab ich gedacht: Grad das Härteste ist richtig, also der Kleine, der sich freut, dass er noch ein Bein hat. Wie er da lacht in der Schlusseinstellung. So ein geschundenes Volk, anderthalb Millionen Verstümmelte, zwei Millionen Tote, sieben Millionen Geflohene ... Und so tolle Menschen. Aber das Schlussbild ist auch Metapher, Sinnbild: 600 Millionen Landminen lauern auf der Welt, vornehmlich in den armen Ländern. Das ist deren Zukunft. Diese Form von Zerstörung an menschlichen Körpern trifft auf Millionen zu und wartet auf Millionen, darum ist das mehr als ein Abbild. Insofern endet der Film zum ersten Mal ganz bewusst eben ohne Hoffnung. [Lange Pause] Und wenn überhaupt Hoffnung, dann durch die Frauen. (Petra Nachbaur)

Die Dokumentarfilmerin Helga Reidemeister, Jg. 1940, hat nach einem Studium an der Hochschule für Bildende Künste zunächst als Sozialarbeiterin in Berlin gelebt und sich erst spät für die Film – und Fernsehakademie entschieden. In den folgenden Jahren sind zahlreiche Arbeiten entstanden und ausgezeichnet worden. Ein erheblicher Anteil ihres Schaffens sind Frauenfilme.

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Zur Filmkritik: Vom Mut zum Frieden
  • Helga Reidemeister
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    Helga Reidemeister
  • Filmplakat
    foto: filmplakat
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