Ende des Öffentlich-Rechtlichen

16. Februar 2005, 13:47
8 Postings

Nur bezahlen, was man sieht, bringt anspruchsvolle Programme um die Ecke

Was unterscheidet den ORF von Premiere? Im Prinzip nichts. Der öffentlich-rechtlichen Anstalt muss man ebenso regelmäßig Abogebühren überweisen wie dem privaten Pay-TV-Sender.

Der feine Unterschied: Premiere kann man abonnieren. Den ORF muss man abonnieren, sobald man einen Fernseher in die gute Stube stellt. Ganz unabhängig davon, ob man "ZiB", "Millionenshow" oder "Sendung ohne Namen" auch tatsächlich sieht.

Genau hier setzt die offenbar recht experimentierfreudige Schweizer Medienbehörde an. Ein Parlamentarier aus dem Aargau fragte sich laut, warum eigentlich alle Haushalte die gleiche Gebühr zahlen müssen. Also prüft das Bundesamt für Kommunikation, ob man nicht auf Pay-per- View umsteigen kann: Jeder bezahlt nur noch, was er gesehen hat.

Die Idee hat doch wirklich Charme, Logik ebenso. Ganz nebenbei aber bringt sie todsicher ein Phänomen um die Ecke, das wir als "öffentlich- rechtliches Fernsehen" kennen. Ein simplerer deutscher Ausdruck dafür ist leider noch immer nicht erfunden.

Nur zur Erinnerung, man verliert das Grundprinzip ja heute leicht aus den Augen: Für öffentlich-rechtliches Fernsehen (und Radio) zahlt man Gebühren, weil sie Programme bieten, die sich nicht alleine über Werbung finanzieren lassen. Zum Beispiel, weil sie etwas anspruchsvoller sind und vielleicht nicht die halbe Fernsehnation vor dem Bildschirm halten. Zum Beispiel, weil sie weniger Gewalt oder Intimitäten zeigen als private Sender.

Für dieses besondere Programm zahlen wir Rundfunkgebühren. Alles andere bekommen wir bei RTL, Sat.1, ProSieben oder ATV umsonst. Diese Sender finanzieren sich, indem sie unsere Aufmerksamkeit der Werbewirtschaft weiterverkaufen. Dafür müssen sie so viele Zuseher wie irgend möglich anziehen.

Eine öffentlich-rechtliche Anstalt kann, ja muss es sich leisten, Programm eben nicht für alle zu machen. Das tut die private Konkurrenz ohnehin. Pay-per-View kommt auf anderem Weg zum selben Ergebnis: Wird nur noch bezahlt, was auch gesehen wird, muss der Sender ebenso massentaugliches Programm bringen, als ob er sich alleine oder überwiegend aus Werbung finanziert.

Der ORF ist seit zumindest zehn Jahren über weiteste Strecken von Privaten schwer zu unterscheiden. Das verstellt den Blick auf die Unterschiede zwischen kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Programmen.

Gut 40 Prozent ihrer Einnahmen macht die Anstalt mit Werbung. Nur so lässt sie sich in ihrer heutigen Größe finanzieren. Seit Jahresbeginn hat sie fast 3800 Angestellte - 1250 bisher freie Mitarbeiter kamen dazu.

42 Minuten Werbung darf der ORF pro Tag in jedem seiner Fernsehprogramme platzieren - ein Vielfaches etwa der deutschen Anstalten ARD und ZDF. Dem Küniglberg reicht das offensichtlich nicht: Erbittert wehrt sich der ORF dagegen, dass die ös^terreichische Medienbehörde darauf achtet, ob er seine ^Werbebestimmungen einhält.

Anlässe gibt es genug, da^rauf aufzupassen: Erst Montag legte der Zeitungsverband dem Management des ORF eine lange Liste vor. Regelmäßig beanstanden die Zeitungen, wo der ORF nach ihrer Rechtsauffassung seine Werbegrenzen wieder überschritten hat.

Sind all diese Vorwürfe unbegründet, wie der Küniglberg ja behauptet, bräuchte sich der ORF vor der Kontrolle durch die Medienbehörde nicht zu fürchten. Die hat schon Übung darin: Den Privatsendern schaut die Komm-

Austria längst auf die Finger, ob sie ihre Werberegeln einhalten - und ihre Auflagen fürs Programm.

Dagegen würde sich der ORF - vielleicht zu Recht - noch viel entschiedener verwahren. Auch wenn man von seinem offenkundig großzügigen Umgang mit Werbegrenzen auch auf jenen mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag schließen könnte.

Noch eines unterscheidet den ORF von Premiere. Der Abosender ist werbefrei. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.5.2004)

Von Harald Fidler
Share if you care.