Wo das Wort versagt und das Denken scheitert

9. August 2004, 19:50
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Die Milgram-Experimente stellten Zivilcourage auf die Probe - Kritik an den Resultaten bestätigt eben diese

Normale Bürger quälen einen ihnen unbekannten, herzkranken Menschen mit Stromstößen, die tödliche Ausmaße annehmen, bloß weil ein Universitätsangestellter ihnen dies als Teil eines "Lernversuchs" aufgetragen hat: Das war, boulevardesk verkürzt, das Ergebnis eine der aufregendsten, folgenreichsten und umstrittensten psychologischen Studien überhaupt. Sie fand Anfang der Sechziger an der Yale-University statt, ging - nach ihrem Urheber benannt - als "Milgram-Experiment" in die Geschichte der Sozialwissenschaften ein und wurde in ungezählten Varianten in vielen Teilen der Welt wiederholt, modifiziert, auch angezweifelt und verurteilt.

Aber sie wurde nie wirklich widerlegt. Im Gegenteil, die Erfahrung hat gerade eben wieder bestätigt, dass das so genannte Böse nicht bloß in der Karikatur des anderen liegt, sondern ebenso in unbescholtenen Zeitgenossen wie dir und mir.

Das hätten Psychiater damals, als Stanley Milgram seine Versuchsreihe begann, nicht für möglich gehalten. Gerade einmal null Komma ein Prozent der Versuchspersonen, schätzten sie, würden so weit gehen, einem Menschen Stromstöße von als extrem gefährlich eingestuften 450 Volt zu verabreichen. Tatsächlich waren zwei Drittel von ihnen dazu bereit.

Die Versuchsanordnung war raffiniert einfach. 40 Männer fanden sich auf eine Anzeige hin einzeln zu einem Versuch ein. Sie sollten die "Fortschritte" eines zweiten, 47-jährigen Mannes (in Wirklichkeit ein Vertrauter des Versuchsleiters) in einem Lernexperiment kontrollieren und bei schlechter Leistung mit Stromstößen von 15V aufsteigend bis eben 450V bestrafen. (Das Experiment war so manipuliert, dass es immer wieder etwas zu bestrafen gab.) Der Versuchsteilnehmer sah den "Lernenden" nicht, hörte jedoch dessen Reaktionen, wenn er mit einem Stromstoß bestraft wurde. Sie gingen von leisem Protest in Stöhnen über, schließlich in dringliche Bitten, mit dem Experiment aufzuhören. Der Versuchsleiter aber forderte zum Weitermachen auf, was die Mehrheit auch befolgte, bis (jenseits von 330V) gar nichts mehr zu hören war.

Erst danach, als viele Teilnehmer nervlich am Ende waren, wurden sie über das Versuchsdesign aufgeklärt. Die brutale Manipulation war denn auch Objekt der Kritik und führte zur Etablierung ethischer Richtlinien bei psychologischen Experimenten. Ebenso wurde bemängelt, dass nur Männer teilnahmen und dass die glaubten, sich eben der Autorität eines Yale-Instituts fügen zu müssen.

Doch eben das, Obedience to Authority (wie Milgrams Buch hieß), erschütterte die meisten und bestätigte eine Minderheit. Denn seine Experimente standen in einer Tradition, die seit den Dreißigerjahren die US-Sozialpsychologie beherrschte. Es ging darum zu verstehen, wie die autoritären und totalitären Strukturen des Faschismus sich in Verhalten und Bewusstsein so vieler Menschen verankern konnten. Daran arbeiteten psychoanalytisch orientierte Wissenschafter (unter anderem in den Studien über die Autoritarian Personality, die mit Hilfe einer "F-Skala" den faschistisch disponierten Charakter ermitteln wollten). Experimentalpsychologen untersuchten andererseits die Gruppendynamiken, die zu mehr oder weniger angepasstem Verhalten führten - die ganze Kalte-Kriegs-Forschung der persuasion studies war nichts anderes als paradoxe Techniken, für antiautoritäre, demokratische Denk- und Verhaltensmuster fit zu machen.

Sie waren Sandkastenspiele im Vergleich mit Milgrams lebensnahen Manövern. Ein Teil der Ablehnung seiner Studien lässt sich aus denselben Motiven erklären, die zur Erklärung der Resultate selbst taugen: dass man mit unangenehmen Erkenntnissen nicht gerne konfrontiert wird. Es stellte sich nämlich heraus, dass zwar ein Teil der Probanden vom eigenen Verhalten erschrocken war, dass manche während des Experiments auch zugunsten des Opfers schummelten. Etliche andere richteten sich die Realität aber dahingehend zurecht, dass es den Opfern wohl nicht so wehgetan hätte, dass sie sich ja freiwillig gemeldet, es verdient hätten u. ä. m.

Mehr noch: Die Schweizer Psychologin Therese Corinne Streuli fand Jahrzehnte später eine große Bereitschaft vor, sich mit den Tätern der Milgram-Studie zu identifizieren. Sie ließ zwölf ihrer Landsleute eine Dokumentation des Experiments in Yale ansehen und beurteilen. "Sie zeigten Mitleid mit dem Aggressor", resümierte sie, "anstelle von Zivilcourage zugunsten der Opfer. (Und sie) gaben an, sie hätten sich im Realfall ähnlich verhalten." Wobei sich die Schweizer - Nebenprodukt ihrer Studie - noch für tendenziell mutiger als die Deutschen hielten.

Die Befunde sind ernüchternd. Sie werden durch die Einsicht der eidgenössischen (wie der amerikanischen und vieler anderer) Experiment-Mitmacher ergänzt, dass die westliche Welt wohl ebenso ungünstige Voraussetzungen für Zivilcourage schaffe wie die Feindesländer von einst und jetzt. So gilt wohl noch immer das Urteil von Hannah Arendt über die "Banalität des Bösen, . . . vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert". (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16. 5. 2004)

StanleyMilgram.com

Therese Streuli: Die Mitleidsspirale, Neue Zürcher Zeitung, 21. 6. 1997.
  • Versuchsanordnung im Milgram-Experiment: Das Anschnallen des "Schülers"
    foto: der standard

    Versuchsanordnung im Milgram-Experiment: Das Anschnallen des "Schülers"

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