Kickstart ins 21. Jahrhundert

29. September 2004, 15:28
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Infrastruktureller Großputz für Athen und den attische Raum - willkommener Nebeneffekt: Noch mehr Sommertouristen

Mit einem infrastrukturellen Großputz machen sich Athen und der attische Raum bereit für die Olympischen Spiele. Als willkommener Nebeneffekt werden noch mehr Sommertouristen in Griechenland erwartet


Die Stadt putzt sich. Die größten Wälder Athens, die wild wuchernden Antennen-Haine, werden dem Flachdachboden gleichgemacht. Will man den Kahlschlag der Fernsehantennen? Oder zählt die rigorose Ankündigung, den geradezu malerischen Drahtrebenwald von der Dachlandschaft des Athener Häusermeeres verschwinden zu lassen, doch eher als Anschlag auf jene Art von Chaos, die man nach anfänglicher Athen-Ernüchterung lieben lernen konnte wie den wackeligen Tavernenstuhl draußen am Ouzo-Strand?

Im August 2004 kehren die Olympischen Spiele in das Land ihrer Herkunft zurück. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sich damit abfinden müssen, dass die Spielstätten - die Boxhalle, der Segelhafen, die Pferderennbahn, die Tischtennishalle, das Baseballfeld - wenn überhaupt - erst in letzter Minute fertig werden. Das im steten Termindruck durchgezogene Facelifting, das Athen und Teile des attischen Raumes ein neues Gesicht verleihen soll, geht derweil fieberhaft voran. Nach dem Abmontieren von zehntausend Plakatwänden, die weite Teile der Innenstadt werbewirksam kaschieren, - ätzten Athener Zeitungen über den plötzlich sichtbar gewordenen Neubau-Beton.

Neuer Eleftherios Venizelos Airport

Doch auch um Fassaden geht es im Falle des Monsterprojekts "Athen 2004" bestenfalls am Rande. Sie sind Stückwerk des gewaltigen Olympia-Großputzes - so wie der Neubelag von 160 Straßenkilometern oder die Anschaffung von 4000 Müllcontainern und mehreren Dutzend Abfallwägen. Den atemberaubenden infrastrukturellen Kickstart ins 21. Jahrhundert bescheren sie der Stadt erst gemeinsam mit zahlreichen weiteren, im Umfeld der Olympiade in Angriff genommenen Maßnahmen.

Davon bekommt man auch als unbedarfter Tourist jede Menge mit. Etwa, wenn man sich reminiszenterweise nach den niedrigen, von Zigarettenqualm vernebelten, alten Athener Airport-Räumlichkeiten umsieht, um wenige Sekunden später zu realisieren, dass die City mit dem neuen Eleftherios Venizelos Airport ja längst einen licht-durchfluteten Einstieg in die Jetztzeit geschafft hat.

Endlich ausgebautes Metrosystem mit Lust auf blitzblanke Antike

Nahtlos könnte man sich an den, erst vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele so richtig forcierten, verkehrstechnischen Novitäten bis zur Akropolis und wieder retour hanteln: Das endlich ausgebaute Metrosystem, das bis ins Jahr 2020 erweitert werden wird, macht mit Stationen, die teilweise auch als Museen fungieren, Lust auf blitzblanke Antike.

Der Bau der Attiki-Odos-Ringstraße und bald auch schon der elektrischen Straßenbahnen wird den urbanen Transport auch lange nach der Abschlusszeremonie flüssiger und sauberer gestalten - nachdem bereits die U-Bahn 100.000 Autos aus dem Stadtbild verschwinden ließ. Stilgerecht und öko-fesch erreicht man Athen in diesem Jahr aber auch über einen kleinen Umweg.

Er führt über Marathon und folgt dann einer Strecke, die auch Evangelos Papapostolou seit einiger Zeit ziemlich auf Trab hält. "Marathon Manager" steht auf der Visitenkarte des Mannes, der sich in den vergangenen Monaten laufend darum bemühte, die originale Wegstrecke des legendären Botenläufers vom Marathoner Schlachtfeld bis in die Stadt hinein nachzustellen - wobei man sich mitunter auch über die Steinböden des historischen Wegenetzes bewegt. Stilgerecht ist aber auch das Finish in der Olympiastadt selbst: Marmorweiß leuchtet einem dort die schöne Schüssel des mittlerweile auf Vordermann gebrachten Panathenäischen Stadions entgegen.

1896 - Weltmittelpunkt Athen - die ersten olympischen Spiele der Neuzeit

1896, als die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit eröffnet wurden, stand es zum letzten Mal im Weltmittelpunkt. Diesen Sommer wird es hier Bogenbewerbe und eben den Marathoneinlauf zu sehen geben - und bereits vorher den Ausgangspunkt des weltweit größten archäologischen Wegesystems markieren. "Archäologischer Park" heißt der Freiluft-Parcours, der auf verkehrsfreien Flächen vom Ardettos-Hügel des Panathenäischen Stadions über den Tempel des Olympischen Zeus, das Hadrianstor am Eingang zur römischen Stadt, weiter auf die Akropolis, die antike Agora und bis hinaus zum Kerameikos-Friedhof führt. 16 Kilometer querstadtein durch drei Jahrtausende. Von der Wiege der Polis bis zu deren neo- klassizistischer Selbstreflexion reicht der Spaziergang.

Von den Säulen des goldenen Zeitalters im 5. Jh. v. Chr. bis zu jener peinlichen Leere, die die Engländer am Fuße der Akropolis hinterließen, eine Leere, die heute provokant im Erdgeschoss des von Bernhard Tschumi und Michael Photiadis errichteten neuen Akropolis-Museums gähnt - und solcherart die Rückgabe der von Lord Elgin zunächst nach Schottland und dann ins British Museum verschleppten 56 Marmorfries-Tafeln des Parthenon-Tempels einmahnt.

Tourismussektor ist der wahre Gewinner

Abgespeckt präsentiert sich jenseits der Glasscheiben dieses neuen Museums aber auch der Coverstar der Stadt selbst: Erstmals seit Jahrzehnten reckt sich der Parthenon ohne Stahlrohr-Korsett vor der Athener Himmelskulisse - ein seltener Pluspunkt für den Tourismus auch das. Und doch nur ein kleiner Nebeneffekt, wenn man sich das prinzipielle Potenzial in Erinnerung ruft, das sich dank der getätigten Maßnahmen und Investitionen für Griechenland erschließt. Der Verweis auf die Restaurierung und Erweiterung des Nationalmuseums, des Byzantinischen Museums, auf die Neueröffnung zweier Kunstmuseen und eines Museums Islamischer Kultur sowie auf ähnliche Aktivitäten im ganzen Land beschreibt den Effekt des touristischen Mehrwerts ebenfalls kaum mehr als fragmentarisch.

Mehr verrät ein Blick auf die Zahlen, die den Tourismussektor - neben der Bauindustrie - zu den eigentlichen Gewinnern der kostenintensivsten Olympischen Spiele aller Zeiten rechnen. Ein fünfprozentiges jährliches Wachstum an Auslandsbesuchern prognostiziert das staatliche KEPE-Institut in diesem Zusammenhang und rechnet bis ins Jahr 2010 mit einem Anstieg auf 20 Millionen Gäste. Werte, die auch das griechische ITEP-Institut bestätigt. Jährlich bedeutet das im Durchschnitt 440.000 Touristen mehr als üblich, wobei für die Zeit kurz vor und während der Ausrichtung der Spiele mit bis zu 180.000 Besuchern aus dem Ausland gerechnet wird - auch wenn österreichische Gäste - so eine aktuelle Umfrage des Boltzmann-Instituts - trotz aller Bemühungen weiterhin zur Strandnähe tendieren mögen.

Was nicht unbedingt ein Widerspruch sein muss: Dass sich Meer und Athen schlecht miteinander vertragen, das sollen dieser Tage nämlich nicht nur die bereitgestellten Unterkünfte auf Hotelbooten widerlegen, die der bevorstehenden Zimmerknappheit auf besonders romantische Art entgegenwirken sollen. "Mehr Meer für Athen" lautet nämlich auch ein Kernpunkt der touristischen Agenda für die Phase der Nachnutzung. Projekte um die Vororte Glyfada und Faliron lassen etwa Marinas und Strände entstehen, die mit gleichfalls neuen Straßenbahnverbindungen auch vom Stadtzentrum aus erreichbar sein werden. Schwimmen und Shoppen rücken so auch in der Fünf-Millionen-Stadt auf Fahrscheinbreite zusammen. (Robert Haidinger, DER STANDARD, rondo/14/05/2004)

Info

Athen 2004 von 13. bis 29. August 2004

athens2004.com

cultureguide.gr

  • Athen: "Peace and Friendship" Stadium
    foto: tourismuszentrale griechenland

    Athen: "Peace and Friendship" Stadium

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