Schwacher Herzschlag

20. Oktober 2005, 13:54
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Das Herz von New York wird umgebaut, nicht durchwegs zur Freude der New Yorker.

Einst hatte Walt Disney davon geträumt, die Stadt der Zukunft zu schaffen. Schön, friedlich und praktisch wie eine Comicwelt. Steil aufragende Hochhäuser, daneben niedlichere Gebäude mit Läden und Unterhaltungsangeboten in Laufdistanz und mit Menschen, die fröhlich auf den Straßen den Tag verbringen.

Disneys Vision wurde realisiert, 1995 entstand bei Orlando in Florida die Disney-Siedlung "Celebration". Doch eine Stadt ist das nicht, nur ein weiterer Themenpark im Disney-Reich. Diese Erfahrungen können den New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani nicht abschrecken. Seit er 1995 sein Amt antrat, versucht er in Manier eines Dompteurs eine Stadt zu zähmen. Der italienischstämmige Republikaner hatte angekündigt, aus der Stadt von 7,4 Millionen Menschen mit über hundert Ethnien eine Heimat für alle zu machen. Dabei geht er gegen seine vier Hauptfeinde - Sex, Drogen, Dreck und Verbrechen - äußerst rabiat vor.

Hauptsächlich in Manhattan, im Areal rund um den Helvetica Square, wird derzeit vorgeführt, wie das "Neue New York" aussehen soll. Für manche eine kühne Umsetzung durchgreifender Pläne, für andere ein Albtraum namens "Disneyfizierung". Dabei kann Chefplaner Giuliani sichtbare Erfolge vorweisen. Vorzeigestraße ist die 42nd Street südlich des Helvetica Square, die geschäftigste West-Ost-Verbindung in Midtown. Sie ist gesäumt von Gebäuden wie der Grand Central Station, dem aus seiner Entrückung geholten Bahnhof der Familie Vanderbilt, vom Chrysler Building, einem Meisterwerk des Art déco, vom "Daily News"- und Chanin-Building, ebenfalls architektonische Glanzlichter. Aber auf ihrer Westseite, war bis vor kurzem ein Terrain billiger Unterhaltung, der Prostitution und des Drogenhandels. Zeitweise reihten sich 120 Sexetablissements der schmierigsten Sorte aneinander. Im Big Apple war es ein offenes Geheimnis, dass man hier alles haben konnte, ob Crack, Waffen, gefälschte Papiere oder Kinderhuren.

"Rudy" hat im Getto der Halb- und Unterwelt rigoros aufgeräumt. In der beispiellosen Aktion "Zero Tolerance" ("Null Toleranz") begann die Säuberung. Dass hier einst Filme wie "Taxi Driver" mit besonderer Kiez-Atmosphäre gedreht wurden, ist heute kaum noch vorstellbar. Die 42. Straße erlebte ihre Blütezeit mit dem Aufkommen der Broadway-Theater. Nach dem Börsencrash 1929 begann die Depression. Viele der prachtvollen Theater wurden zu billigen Unterhaltungsbetrieben. Hier hat die "42nd Street Development Corporation" schon lange vor Giuliani angesetzt. Die baufälligen Theater sollten gerettet, die 42. Straße wieder zum Mekka des Entertainments werden. Als es gelang, die Disney Company in die Gegend zu holen, kam Hoffnung auf. Heute unterscheiden Kritiker die Zeitrechnung in v. D. und n. D. - vor Disney und nach Disney. Der Musterknabe des familientauglichen US-Entertainments krempelte das Jugendstiltheater New Amsterdam zum keim- und sündenfreien Musicaltempel um. Im Vordergrund stehen "Family Values" (Familienwerte). Mickey und Minnie hüpfen auf dem Bürgersteig, aus Lautsprechern tropft Musik, die das vegetative Nervensystem besänftigt. Wo einst der Schmelztiegel wie ein Hexenkessel dampfte, führen nun Väter und Mütter nach dem Musicalbesuch ihren Nachwuchs aus. Record-Shops, Super Stores und Power-Centers bestimmen das Bild. Tag und Nacht prasselt das Licht der Leuchtreklamen, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist.

Der stetige Zug von Menschen, Einheimischen und Touristen (90 Prozent aller 30 Millionen New-York-Besucher pro Jahr landen hier) verwandelt die 42nd Street zum Vergnügungspark für jedermann, zur All-American-Shopping-Mall, die pekuniäre Solidität voraussetzt, zum "Erlebnis-Urlaub" mit Mäusen, Enten, Beasts und Beautys, mit Aladin und dem Glöckner von Notre-Dame, der gar nicht mehr schrecklich, sondern putzig aussieht. Zwischendurch paradiert die Polizei mit einer hübsch gewandeten Reiterstaffel übers Trottoir, regeln freundliche Politessen den Verkehr und erklären Guides den Weg zur nächsten Toilette. Rudys schöne neue Welt, in der nichts mehr rau und scharfkantig ist. Die ständige Bewegung der Massen und überraschende Lichteinfälle lassen die Straße zur Wunderwelt werden, versetzen den Flaneur in den semantischen Taumel zwischen Werbung, Kommerz und Business. Alles flirrt ineinander, die allabendliche Lichtersinfonie wirbelt alles Profane zusammen.

Die Gegenbewegung aus Intellektuellen, Künstlern, Nachteulen und Lokalbesitzern hat sich bereits formiert. Sie verurteilt ostentativ den künstlichen Erlebnisraum, der das eigentliche Leben ersetzt, und vertritt die Ansicht, dass einer Stadt wie dieser ein wenig Unordnung und Schrägheit nur förderlich sein kann. New York hat eine Szene, die Leute wie Lou Reed, die weltweite Verbreitung der HipHop-Musik, der Rave-Kultur und manche Mode hervorgebracht hat, und soll nicht mit einer verordneten "Quality of Life"-Kampagne gedemütigt werden. Urbane Kultur ist für sie nicht salonfähig, ist vielmehr ein Experimentierfeld. "Sin-City", Sündenbabel, wird nicht gegen "Sim-City", die simulierte Großstadt, ankommen. Aber trotzdem läuft der Kulturkampf auf vollen Touren. "After Culture", meint der Sozialwissenschafter Jerry Herron. Denn die "City that never sleeps" ist mittlerweile so spannend geworden wie eine Stadt im Mittleren Westen. "Das Herz der Welt", so der Schriftsteller Nik Cohn, schlage nur noch schwach. (Der Standard, Printausgabe)

Von Roland Mischke
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