Die richtigen Fragen zu Googles Gmail

12. Juli 2004, 15:22
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Wer soll unsere private E-Mail kontrollieren? Wer soll dazu Zugang haben? - Kolumne von Esther Dyson

Wenn jemand sagt, er stellt nichts Böses an, sollte man ihm nicht unbedingt glauben. Andererseits ist es ermutigend, wenn jemand zumindest zugibt, dass es Böses geben kann: Damit wird anerkannt, dass es dafür auch Konsequenzen gibt.

In diesem Fall geht es um Google, das seinen Kritikern versichert, nichts Böses zu planen - aber das mit der Betaversion seines Maildienstes Gmail Datenschützer auf die Palme treibt. Gmail ist eine neue Gratismail, derzeit in der Testphase, die jedem Benutzer 1000 Megabyte Speicher zur Verfügung stellt - rund 500.000 Seiten E-Mail. Gmail verwendet eine sehr leistungsfähige Suchmaschine, mit der man blitzschnell nach jeder Mail suchen kann, die man je verschickt oder erhalten hat.

Wie bequem?

Das klingt wie Musik in den Ohren vieler Gratismail-Benutzer. Denn das Management von Mailkonten ist inzwischen ein Teilzeitjob: Nachricht müssen laufend gelöscht werden, um das Speicherlimit einzuhalten, und es dauert eine Ewigkeit, um eine alte Mail wieder zu finden.

Aber es gibt auch Warnrufe, dass für die Bequemlichkeit von Gmail ein hoher Preis zu zahlen ist: Google verdient sein Geld damit, dass es die eingehende Post seiner Benutzer scannt und anhand von Stichwörtern dazu passende Kleinanzeigen verkauft.

Datenschützer sind über die Speicherung all dieser Mail, selbst lange nachdem sie gelöscht wurden, besorgt. Und sie sind darüber alarmiert, dass ein Computer die Mails "liest", um passende Werbung zu finden. Die kalifornische US-Senatorin Liz Figueroa erklärte in einem offenen Brief an Google, dass der geplante Dienst "ein Desaster enormen Ausmaßes" sei.

Wer verfügt?

Tatsächlich ist die Frage: Wer soll unsere private E-Mail kontrollieren? Wer soll dazu Zugang haben? Dies sind wichtige Fragen, auf die es vernünftige Antworten gibt. Aber zuerst muss man den größeren Zusammenhang sehen: Der Schlüssel liegt darin, die eigenen Möglichkeiten zu kennen und eigene Entscheidungen zu treffen. Ich glaube nicht, dass der Staat meine Wahl beschränken soll, indem er vorschreibt, welche Dienste Firmen anbieten dürfen. Google Angebots hat klar deklarierte Bedingungen: Ich kann zustimmen oder verzichten.

Ein Teil der Sorge liegt im Marktanteil von Google, das vergangenes Monat 41 Prozent des US-Markts für Suchanfragen hatte. Tatsächlich weckt Gmail Ängste, weil es verspricht zu tun, was andere bereits tun - nur besser. Die meisten Mailprovider speichern gratis nur wenige Mails. Und sie versprechen - drohen? - auch nicht, diese ewig aufzuheben. Bis vor kurzem hätte ich gesagt, dass nur ich und niemand sonst meine Mail aufheben sollte. Dann crashte mein PC vergangene Woche ohne Vorwarnung. Als schließlich alles wieder funktionierte war alle Mail der vergangenen drei Tage verloren. Ich nehme an, dass Google besser als ich meine Mail sicher aufbewahren kann. Zum anderen habe ich soeben meine Firma EDventure Holding an CNet Networks verkauft - jetzt gehört ihnen meine Mail. Sie dürfen darin Einblick nehmen und haben wahrscheinlich ein größeres Interesse an meinen Geheimnissen als Google.

Ich habe mich darum entschieden, beide zu verwenden: CNet fürs Geschäft, Google fürs Privatleben (eine problematische Unterscheidung). In einem offenen Markt gibt es nicht immer nur eine Antwort; es gibt unterschiedliche Optionen für verschiedene Situationen oder Individuen. Kurz: Meine Möglichkeiten werden durch Gmail erweitert, nicht eingeschränkt.

Das größte Problem aber ist, dass meine Mail - wie auch Ihre - ohnehin nicht geschützt ist. Jede meiner Nachrichten läuft ebenso wie die meiner Partner durch eine Vielzahl an Providern und Unternehmensservern. In den USA ist es gesetzlich verboten, ohne Durchsuchungsbefehl Mail abzufangen, die über öffentliche Systeme verteilt wird. Aber das schützt nicht die Privatsphäre derer, die das Mailsystem ihres Arbeitgebers verwenden.

Welche Sicherheit?

Ihre Mail ist rechtlich sicherer, und man kann eher sicher stellen dass sie wirklich gelöscht wird, wenn Sie sie selbst kontrollieren. Aber sie ist wahrscheinlich physisch sicherer, wenn sie einem Provider wie Google, Yahoo oder Microsoft (Hotmail) anvertraut wird. Kurz gesagt: Mich schreckt der Gedanke staatlichen Zugangs, oder Zugang durch andere Leute mit Hilfe des Staates, mehr als die Speicherung durch Google; wenigstens ist Google daran interessiert, mit als Kunden bei Laune zu halten.

Das Problem liegt also eher bei der Politik als bei Google. Ihre Mail braucht rechtlichen Schutz, auch wenn sie lange gespeichert wird, und nicht nur während sie übertragen wird. Die zweite Problematik ist das Scannen der Mail durch Google nach Stichworten. Persönlich macht mir das nichts aus; sie wird auch jetzt schon von Spam- und Virenscannern gecheckt.

Wir sollten uns bemühen Antworten auf diese Fragen zu finden, statt sie zu vermeiden. Oft ist es die beste Antwort, den Benutzern mehr Information und Wahlmöglichkeiten zu geben, und staatliche Regulierungen nur dann zu verwenden, wenn es keine andere Alternative gibt.

Nachlese

->Produktivitätsschub für Kleinbetriebe
->Der Spiegel unseres Lebens

Esther Dyson ist Herausgeberin des Technologie Newsletters Release 1.0 und Vorsitzende von EDventure Holdings.
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    foto: dyson
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