Gold in Mund

13. Mai 2005, 12:30
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Im Wallis herrschen noch die Gesetze der Gastfreundschaft. Von Geldfälschern, Kampfkühen und Safranfeldern berichtet Ernst Strouhal

Das Bild gehört zu meinen Kindheitserinnerungen wie das Tapetenmuster über dem Bett: Die sieben Männer hängen hilflos im Seil; ganz oben Peter Taugwalder aus Zermatt, darunter sein Sohn, dann die Engländer Whymper, Hudson, Douglas, Hadow und der Bergführer Michel-Auguste Croz aus Chamonix. Der unerfahrene Hudson war beim Abstieg gestolpert und hatte die anderen aus dem Stand gerissen. Noch hält der alte Taugwalder das Seil, in meiner Erinnerung überlagern sich in diesem Moment die Gesichter von Luis Trenker und Spencer Tracy, doch es reißt, vier Männer stürzen die Nordwand des Matterhorns hinab.

Im alpinen Museum im Seilergarten von Zermatt ist dem 14. Juli 1865 ein eigener Saal gewidmet. Man kann ein Stück des gerissenen Seiles betrachten, man kann sogar die Akten des Instruktionsgerichtes einsehen. Der Fall war untersucht worden wie kein anderer, dennoch hält sich bis heute das Gerücht, das Seil sei nicht gerissen, sondern der ehrgeizige Edward Whymper habe es durchtrennt, um sein Leben zu retten.

Zwischen Triumph und Tragödie

Berggeschichten mit ambivalenten Helden wie Whymper, angesiedelt zwischen Triumph und Tragödie, bilden bis heute die Geschäftsgrundlage von Zermatt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die Engländer die Penninischen Alpen entdeckt. Das Bergsteigen passte sich ideal ins sportive Selbstbild der reichen englischen Gentry ein, und in wenigen Jahren erklommen die Mitglieder des "Alpine Club" 26 der 40 höchsten Gipfel des Wallis im Südwesten der Schweiz.

Noch ein Jahrhundert zuvor hatten Gletscher als "fürchterlich", die Berge als "schrecklich" gegolten, doch die Alpengedichte von Albrecht von Haller und die Beschreibungen der Genfer Jean Jacques Rousseau und Bénédicte de Saussure veränderten die Wahrnehmung der Berglandschaft rasch. Erstmals konnte das gebildete Lesepublikum Europas die dämonischen Gipfel als erhabene erkennen, die erforscht und bezwungen werden wollten. Die neuen Herren der Alpen waren freilich nicht allein unterwegs. Sie bedienten sich der Hilfe der einheimischen Walliser, die die Wege zum Gipfel längst kannten. Die bettelarmen Bauern, die Jäger und die erfahrenen Schmuggler hatten aber wohl kaum Zeit oder Lust, romantische Hymnen zu lesen oder sich von Leuten aus Genf über die Ruhe und Schönheit der Alpen belehren zu lassen. So stelle ich mir vor, dass sie die Engländer, die da ohne Sinn und Verstand auf die Berge stiegen, für verrückt gehalten haben. Aber sie waren die Gäste und sie zahlten gut.

Perfekte Urlaubsmaschine

Heute ist Zermatt eine perfekt getaktete Urlaubsmaschine. In der Hochsaison bewältigt das einstige Bergsteigerdorf 15.000 Gäste pro Tag, 2003 wurden 1,7 Millionen Nächtigungen verzeichnet. Man überlegt einen generellen Baustopp. Und doch, ein bisschen ist von den Gesetzen der Gastfreundschaft noch übrig.

Ob ich rauchen darf, frage ich, irische Verhältnisse vor Augen, beim Abendessen den eleganten Herrn neben mir, der aussieht, als sei er Herr Nestlé persönlich. "Aber natürlich", antwortet er entgeistert, "Sie sind doch der Gast." Ich darf mir aussuchen, wie ironisch sein Lächeln war.

Das Wallis ist eine von Grund auf gut aufgeräumte Landschaft, und deshalb hat man es nicht schwer, in eines der weniger frequentierten Seitentäler des Rhone-Beckens zwischen Martigny und Brig abzubiegen, um kurz danach in das andere, voralpinistische Wallis einzutauchen. Die Täler halten seltsame Überraschungen bereit. Die Römer waren hier, die Araber haben im Mittelalter ihre Spuren hinterlassen. Mitunter erblickt man, gleich einer Fata Morgana, auf abgeschiedenen Almen riesige Schafherden und schöne Hirtinnen oder man stößt auf keltische Reste.

Kuhstechen

In Raron südlich vom urwüchsigen Lötschental pflegt man noch das Kuhstechen. Das ist eine Art älpische Corrida, in der hochgezüchtete Kampfrinder der Hérens-Rasse aufeinander losgelassen werden.

Woher sie kommen, weiß man nicht. Vielleicht haben die Römer sie hierher gebracht, in der Nähe von Martigny wurde jedenfalls ein prächtiger Stierkopf aus Bronze aus dem ersten Jahrhundert gefunden, der dem der Kämpferinnen in Raron ähnelt.

Sie sollen, sagt man mir, gegenüber Menschen freundlich, gegen ihre Kolleginnen aber unerbittlich sein, und schlau. Nun, ich bin ein Laie, aber "schlau" sehen die massiven Tiere beim besten Willen nicht aus. Eher heimtückisch. Und tatsächlich gelingt es Kuh Lambada aus Eggerberg mit erstaunlicher List, die Dolly aus Gampel aus der Arena zu verjagen. Eben noch ganz gute Kuh, scheint Lambada ruhig zu grasen, doch plötzlich hebt sie, begleitet vom archaischen Gebrüll der Züchter, das so wohl schon seit Jahrhunderten durchs Oberwallis ertönt, zu einem Angriff an. Die blauäugige Dolly wird überrascht und trottet erschreckt davon.

Die Kämpfe waren, meinen die einheimischen Aficionados, heuer eher lau, doch mit dem Finale war man zufrieden: In der Königsklasse der schwersten Tiere siegte Tornado vor Kuh Bataille. Ich gebe es zu: Ich war vom Stechfestfieber nicht recht erfasst, aber ein paar Kilometer weiter liegt Mund, ein kleines, verschlafenes Dorf oberhalb von Visp.

Auf den Äckern links und rechts der Straße wird seit dem 14. Jahrhundert Safran angebaut. Ein Schweizer Söldner soll, so will es die Legende, die erste Zwiebel im Haar versteckt nach Mund gebracht haben. Der Handel mit dem roten Gold war eines der einträglichsten Geschäfte des Mittelalters, auf den Schmuggel von Safran stand die Todesstrafe.

Die Arbeit der Pflanzer ist mühsam

Um ein einziges Gramm des Gewürzes zu gewinnen, müssen nach der Ernte 390 Fäden aus den blassvioletten Blüten, je drei pro Blüte, gezupft und getrocknet werden. Die Jahresernte von zwei bis drei Kilo scheint bescheiden, doch ist der Safranpreis fast ident mit dem des Goldes. In den 70er-Jahren war die Safranzucht in Mund fast zum Erliegen gekommen, doch seit Pfarrer Jossen neue Zwiebeln aus Pakistan importierte, gedeiht das kostbare Gewürz wieder im trockenen, lehmigen Boden des Ortes.

In seiner Konsistenz ist der Bergsafran, wie Gutachten der Universität Bern bestätigen, naturgemäß unübertroffen. Vierfach besser sei die hiesige Qualität als die der spanischen oder orientalischen Pflanzen. Über die Wirkung des Pulvers herrscht ebenfalls kein Zweifel. Seit dem Mittelalter hilft Safran sozusagen gegen alles, bei Männern wie bei Frauen, ob in Form von Risotto, süßem Likör, Kuchen, Schnaps oder Wein verabreicht.

Safran schenkt erotische Träume, erheitert, bringt Menschen zum Lachen, allerdings Vorsicht beim unmäßigen Träumen: Zu viel davon vor dem Einschlafen, und man wacht nicht mehr auf. Wie dem auch sei, das safrangewürzte Mutzbrot aus dem Munder Supermarkt schmeckt wunderbar, und im Herbst, wenn die Krokusse blühen, soll ganz Mund nach Safran duften. Neuerdings experimentiert man, berichtet Erwin Pfaffen, der Säckelmeister der 120 Mitglieder zählenden Pflanzerzunft, mit der Herstellung von Käse.

Die Trockenheit

Was gut für den Safran, war jahrhundertelang die größte Geißel für die Bauern: die Trockenheit. Das Wallis ist das sonnenreichste und zugleich das niederschlagsärmste Gebiet der Schweiz, und so mussten die Bauern kilometerlange Leitungen errichteten, um das Schmelzwasser auf ihre Felder zu führen. Ein dichtes Wasserleitungsnetz aus ausgehöhlten Baumstämmen, oft an unzugänglichen Felswänden befestigt, durchzieht seitdem das Wallis. Heute sind diese uralten Suonen zum größten Teil verfallen, aber entlang der Wasserleitungen kann man auf steilen und einsamen Wegen durch die Täler des Unterwallis wandern.

Irgendwo in dieser Gegend hat sich auch Joseph-Samuel Farinet (1845-1880) herumgetrieben. Farinet ist der Volksheld des Wallis. Ausgerechnet er, denn der Bauernbursch aus dem Aostatal war ein eifriger Falschmünzer. Auf einer alten Spindelpresse hat Farinet Zwanzig-Rappen-Stücke hergestellt und die Polizei jahrelang an der Nase herumgeführt. Immer wieder gelang es ihm, aus den Gefängnissen auszubrechen und sich im Umland zu verstecken. Der Fall entwickelte sich zu einem handfesten Skandal, denn die Bauern hatten mehr Vertrauen zu seinen Münzen, auch wenn sie falsch waren, als zum Papiergeld der Walliser Kantonalbank. Und der Farinet war nicht nur ungehörig gegen die Obrigkeit, sondern auch großzügig. Er verschenkte gerne sein falsches Geld an die armen Leute.

Am Ende haben sie ihn zwar doch erwischt, er stürzte bei einer Verfolgungsjagd in eine Schlucht bei Saillon, für die Walliser ist er jedoch ein Robin Hood der Alpen geworden. Ein Weingarten trägt seinen Namen, in Sion und Saillot sind Plätze, Bars und Restaurants nach ihm benannt. Nur eine Farinet-Bank habe ich nicht gefunden. So weit geht der Walliser Humor wieder nicht. (Der Standard/rondo/30/04/2004)

*Ernst Strouhal ist Kulturwissenschafter und unterrichtet an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien

Info

Schweiz Tourismus, Infotel. 00800 100 200 30; MySwitzerland
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    Das Matterhorn

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