Analyse: Fischer - Im reifen Alter in die erste Reihe getreten

25. April 2004, 16:57
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Heinz Fischer legte im Wahlkampf sein Image des braven Parteisoldaten leichthändig ab und gab mit seiner Kampagne der zuletzt verunsicherten SPÖ ein wenig von ihrem bereits verloren geglaubten Selbstbewusstsein zurück

Wer bis dahin der Meinung war, Heinz Fischer eine konkrete Aussage zu entringen sei mit dem gern zitierten Versuch gleichzusetzen, einen Pudding an die Wand zu nageln, kam an diesem Abend aus dem Staunen nicht heraus. Beim Hearing vor FPÖ-Funktionären, das diese durchaus als verbalen Watschentanz zu inszenieren suchten, präsentierte sich der SP-Kandidat vergangenen Dienstag von einer bisher nicht oft gesehenen Seite:

Höflich im Ton, kompromisslos in der Sache, und, wenn es seit musste, ebenso grob antwortend wie gefragt. Heinz Fischer, so mussten die verdutzten FPler feststellen, kann auch anders.

Deutliche Worte

Im Gegensatz zu seiner Mitbewerberin Benita Ferrero-Waldner hatte Fischer keine Gastgeschenke zur Befragung mitgebracht, als es etwa um die Distanz zu Jörg Haider und seiner FPÖ ging. Die Isolation habe sich die FPÖ selbst zuzuschreiben, genauer dem Kärntner Landeshauptmann und seiner unerträglichen Äußerung über die Beschäftigungspolitik im Dritten Reich, stellte Fischer klar. Und wenn Haider glaube, dass die Markierung von Stimmzetteln im Parlament gute demokratische Sitte sei, so sei er, Fischer, stolz darauf, anderer Meinung zu sein.

Damit war endgültig ein Wandel im Erscheinungsbild Fischers vollzogen, der zu Beginn der Kampagne des 1938 in Graz geborenen Politikers so deutlich nicht zu erkennen war. Denn zunächst schien er den Ruf, ein übervorsichtiger, sich nach allen Seiten absichernder Taktierer und treuer Parteisoldat zu sein - den die ÖVP verständlicherweise täglich zu befestigen suchte -, nicht loswerden zu können.

Doch je weiter sich Fischer hinauswagte, je intensiver der direkte Kontakt zu den umworbenen Wählern wurde, umso lockerer, dynamischer und charmanter wurde der anfangs eher hölzern wirkende Kandidat auch zum Erstaunen seiner Wahlhelfer. Der eingefleischte Parlamentarier und glänzende Administrator genoss das nie gekannte, weil nie gesuchte Vergnügen und Risiko, einmal als Hauptperson in der ersten Reihe einer großen Wahlkampagne zu stehen.

Dass er im hohen politischen Alter aus dem Schatten seiner Parteifunktionen in das Scheinwerferlicht des Kampfes um das höchste Staatsamt trat, bereitete dem gelernten Juristen sichtlich Spaß. Und machte den zweifachen Familienvater, der seit 1968 mit Ehefrau Margit verheiratet ist, zuletzt sehr zuversichtlich, mit 65 Jahren noch nicht in Pension gehen zu müssen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.4.2003)

Von Samo Kobenter
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