Keineswegs nur Kinderbelustigung

23. April 2004, 12:03
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Sowjet-Kritik und "Hotel E": Eine Personale für den estnischen Animationsfilmer Priit Pärn

Ein Festivalpersonale ist unter dem Titel Hotel E dem estnischen Animationsfilmer Priit Pärn gewidmet, der es in Sowjetzeiten wie kaum ein anderer Künstler verstanden hat, in der Nische des Animationsfilms an der Zensur vorbei bildgewaltig Kritik am Staatssystem zu üben.

Pärn, geboren 1946 in Tallin, studierte zunächst Biologie und war als Karikaturist und Illustrator tätig, bevor er sich ab 1976 relativ spät im Filmbereich zu engagieren begann. Nicht nur als Regisseur, sondern auch als Grafiker fand er eine unverwechselbare, reduzierte Formensprache, die von Surrealismus, Reduktion und einer gebrochenen Folklore geprägt ist.

Mit Breakfast on the Grass führte Pärn 1987 vor Augen, wie mit den Instrumentarien der Animation ein vernichtendes Urteil über ein Gesellschaftsmodell gefällt werden kann, ohne dem Herrschaftsapparat Gelegenheit zur Einschränkung der internationalen Verbreitung der Arbeit zu bieten. Mit dem Meisterwerk Hotel E skizzierte Pärn bereits 1992, wie sich der Kapitalismus den kollabierten Sozialismus einverleibt.

Das von Thomas Basgier und Otto Alder kuratierte Tribute an Priit Pärn stellt unter Beweis, dass das Genre des Animationsfilms keineswegs nur der Kinderbelustigung dient. Die Kuratoren setzen Pärns Werk mit den Arbeiten von Animationsfilm-Kollegen aus dem ehemaligen "Ostblock" in Beziehung. So zeigt sich, dass innerhalb der KünstlerInnenszene ein reger Austausch herrschte, in dem durch den wechselseitigen Einfluss eigene Codes entstanden, die auf subtile, wenngleich bestimmte Weise gegen ein repressives Regime protestierten. (Festival/red)

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