EU soll im Kosovo Protektorat führen

22. April 2004, 19:26
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UNO nach Schießerei unter Druck

Nach dem Tod von drei Polizisten der UNO-Mission im Kosovo (Unmik) lehnt die vom früheren finnischen Premierminister Harri Holkeri geleitete Behörde eine Änderung ihrer Strategie zumindest öffentlich weiter ab. Unmik-Pressesprecher Christian Lindmeier bezeichnete die Schießerei auf dem Gefängnisgelände der im Norden des seit 1999 von den Vereinten Nationen verwalteten Protektorats gelegenen Stadt Kosovska Mitrovica am Mittwoch als "isolierten Vorfall". Dem STANDARD sagte er: "Man kann nie hundertprozentig verhindern, dass so etwas passiert."

Auch die stellvertretende Unmik-Polizeichefin, die US-Amerikanerin Jill Muncy, warnte davor, einen Keil zwischen US-amerikanische und Beamte aus muslimischen Staaten zu treiben. Bei der von einem jordanischen Sonderbeamten begonnenen Schießerei waren am Samstag zwei US-Polizistinnen und der jordanische Schütze ums Leben gekommen. Der Belgrader Radiosender B92 hingegen zitierte einen US-Funktionär, der den Angriff als "organisierte Attacke gegen Amerikaner" bezeichnete

UN-Strategie gerät ins Wanken

Einen Monat nach den antiserbischen Ausschreitungen gerät die unter der Formel "Standards vor Status" zusammengefasste Strategie der UNO für den Kosovo durch die erneuten Vorfälle weiter ins Wanken. So gibt es offenbar Bestrebungen, der EU eine stärkere Rolle in der internationalen Verwaltung der Provinz einzuräumen. In der FAZ forderte der FDP-Bundestagsabgeordnete Rainer Stinner, den Kosovo zu einem europäischen Treuhandgebiet zu machen: "Dazu muss der UN-Sicherheitsrat in einem neuen Beschluss die Souveränität des Kosovo auf die EU übertragen."

Der deutsche Verteidigungsminister Peter Struck hatte bereits Ende März eine stärkere Rolle Brüssels angedeutet, nachdem bei Krawallen in der völkerrechtlich weiterhin zu Serbien-Montenegro gehörenden Provinz neben Angehörigen der serbischen und anderer Minderheiten Unmik-Fahrzeuge und -Gebäude das Hauptziel der kosovo-albanischen Angreifer waren. Unzufriedenheit über die schlechte wirtschaftliche Lage, die auf die verfehlte Privatisierungspolitik der Unmik zurückgeführt wird, und das Zögern der Vereinten Nationen, einer Unabhängigkeit des Kosovo zuzustimmen, gelten als Hauptgründe für die Proteste. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2004)

Von
Markus Bickel aus Pristina
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