Djindjic-Mord: Premier wurde kugelsichere Weste vorgeschlagen

23. April 2004, 19:11
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Aussagen seines ehemaligen Leibwächters: Djindjic hätte Attentat überleben können - Regierungschef hatte sich auch mit "Legija" getroffen

Belgrad - Einer der Leibwächter des im Vorjahr ermordeten serbischen Regierungschefs Zoran Djindjic sagte heute, Donnerstag, vor dem Sondergericht zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität aus, dass man dem Ministerpräsidenten vorgeschlagen habe, eine kugelsichere Weste zu tragen. Srdjan Babic ist überzeugt, dass der Regierungschef durch eine gute kugelsichere Weste das Attentat überleben hätte können.

Premier hatte sich mit mutmaßlichem Organisator des Attentats getroffen

Der ehemalige Angehörige der Sonderpolizeieinheit "Rote Barette", von denen Angehörige an der Ermordung von Djindjic direkt beteiligt sein sollen, sprach vor dem Gericht auch über die Treffen des Regierungschefs mit dem ehemaligen Kommandanten der Sonderpolizeieinheit, Milorad Lukovic "Legija". Der mutmaßliche Hauptorganisator des Attentates auf Djindjic, "Legija", ist noch auf der Flucht. Flüchtig sind auch noch sieben von insgesamt 13 Angeklagten in derselben Causa.

Laut Babic war Djindjic nach seinen Erkenntnissen mit "Legija" mindestens zwei Mal zusammengekommen. Das erste Treffen fand im Regierungsgebäude statt. Das zweite Treffen soll laut dem Leibwächter während einer Geburtstagsfeier beim Belgrader Geschäftsmann Philip Zepter zu Stande gekommen sein. "Legija" war bis Juni 2001 als Kommandant der "Roten Barette" tätig. Später schloss er sich der Mafia-Gruppe im Belgrader Vorort Zemun an.

Unterschiedliche Angaben über Anzahl der Schüsse

Laut Medienberichten hatte Babic wie auch zwei andere Leibwächter und der Chauffeur des Dienstwagens von Djindjic beim Attentat drei Schüsse gehört. In der Anklage ist allerdings nur von zwei Schüssen die Rede.

Rund um die Ermordung des früheren serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic am 12. März 2003 wurden bereits am Mittwoch neue Details bekannt. Ein mit Milorad Lukovic "Legija", der als Hauptorganisator des Attentats gilt, befreundeter Arzt soll am Versuch beteiligt gewesen sein, den schwer verwundeten Djindjic wiederzubeleben. Das berichteten am Mittwoch Belgrader Medien unter Berufung auf den ehemaligen Bodyguard des ermordeten Ministerpräsidenten, Milan Veruovic.

Laut Veruovic soll es sich um einen gewissen "Doktor Risovic" handeln, der im Lauf der Polizeiermittlungen nach der Ermordung Djindjics selbst vorübergehend festgenommen wurde. Der Arzt, bei dem abgeblich auch eine Telefonkarte entdeckt wurde, die ihn in Verbindung mit der Mafia-Gruppe in Zemun bringt, war später nach Kanada ausgereist. Laut der Belgrader Tageszeitung "Blic" konnte der Anästhesist dies offenbar mit Hilfe eines kroatischen Reisepasses ungehindert tun. Er soll die doppelte - serbische und kroatische - Staatsbürgerschaft besitzen.

Mafia-Ärzte

Die Mafia-Gruppe von Zemun war laut Anklage zusammen mit mehreren Angehörigen der Spezialpolizeieinheit "Rote Barette", deren Kommandant "Legija" früher war, an der Ermordung Djindjics beteiligt. Darüber, dass die Zemun-Mafia auch Ärzte auf ihrer Lohnliste hatte, hatte am Montag unter Ausschluss der Öffentlichkeit auch einer der drei geschützten Zeugen im Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder Djindjis, Ljubisa Buha, berichtet. Laut Buha sollten diese dafür sorgen, dass die von der Mafia-Gruppe verwundeten Personen nicht am Leben blieben.

Serbische Erneuerungsbewegung für Suspendierung von Spezialpolizisten

Die Serbische Erneuerungsbewegung (SPO) von Außenminister Vuk Draskovic hat Mittwoch die Suspendierung von sechs Gendarmerie-Angehörigen gefordert, die am Dienstag im Gerichtssaal des Spezialgerichtes zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität in T-Shirts der aufgelösten Spezialpolizeieinheit "Rote Barette" (JSO) erschienen waren.

Die Spezialeinheit der einstigen Geheimpolizei wurde im März des Vorjahres nach der Ermordung des Regierungschefs Zoran Djindjic aufgelöst, nachdem es sich herausstellte, dass daran auch ihre Angehörigen beteiligt waren.

Unterstützungsgeste für mutmaßlichen Mörder?

Die sechs einstigen JSO-Angehörigen wurden sofort aus dem Gerichtssaal, in welchem der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder von Djindjic läuft, entfernt. Was ihre anschließende Einvernahme ergab, ist zuerst unbekannt. Ihre Geste wurde seitens einstiger Mitglieder der Regierung Djindjic als Unterstützung für den vermeintlichen Mörder, den JSO-Angehörigen Zvezdan Jovanovic "Zveki", gedeutet.

Die SPO hatte den Vorfall als einen "unerhörten Druck" auf die Justiz bezeichnet. Ihr aktueller Kommandant Goran "Guri" Radosavljevic müsse die Verantwortung übernehmen.

Einzelne Angehörige der "Roten Barette" haben sich zur Zeit in einem anderen Verfahren vor demselben Gericht wegen zwei gescheiterten Attentaten auf Draskovic im Oktober 1999 und Juni 2000 zu verteidigen. (APA)

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