Ein "komisches Einkaufszentrum" in der neuen Hofburg

23. April 2004, 18:13
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STANDARD-Montagsgespäch: Teilnehmer kritisierten Tiefschläge und Inhaltsleere

Einen Wahlkampf mit peinlichen Tiefschlägen und verräterischen Leerstellen, kritisierten die Teilnehmer beim Montagsgespräch von STANDARD und Radio Wien. Zur Asylpolitik oder zu Bildungsfragen hätten sich beide Kandidaten nicht deklariert. Für Kabarettist Andreas Vitásek klingt die versprochene "neue Hofburg" eher nach einem "komischen Einkaufszentrum", wo jeder ein- und ausgehen kann.

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In Wahlkampfzeiten wird selten mit feiner Klinge gefochten. Da wird schon mal heftiger zugelangt. Auch in der Wahlauseinandersetzung zwischen VP-Hofburgaspirantin Benita Ferrero-Waldner und SP-Kontrahent Heinz Fischer sind die Giftküchen der Parteien einigermaßen erfinderisch - aber nicht immer geschmackssicher, kritisierte Presse-Doyenne und Auslandsressortchefin Anneliese Rohrer beim Montagsgespräch des STANDARD in Kooperation mit dem ORF-Landesstudio Wien im Haus der Musik.

Endspurt

Für den "Endspurt zur Präsidentenwahl", so der Titel der von STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl moderierten Diskussion, skizzierte sie Nachjustierungsbedarf: "In einer idealen Welt würden bis zum Wahlsonntag zwei Dinge passieren. Ferrero-Waldner müsste sich offiziell distanzieren von der Aussage des Leiters ihres Personenkomitees, Kurt Bergmann, der die früheren Präsidentschaftskandidatinnen als ,frustrierte Frauen' bezeichnet hat. Und die SPÖ müsste in Wien ausschwärmen und die Pickerln von den Ferrero-Plakaten entfernen, auf denen steht, sie sei die Erste, die Jörg Haider grinsend angeloben würde", so Rohrer.

Das wird wohl nicht passieren. Denn der Wahlkampf findet nicht in einer idealen, sondern in der realen Welt statt. Und so ist es auch erklärlich, dass polarisierende Themen wie die von Rohrer monierte Asylfrage oder die "inakzeptable Jugendarbeitslosigkeit" wohlweislich nicht angerührt wurden. Nicht nur diese Themen waren tabu: "Keiner von beiden hat etwas über den Dilettantismus bei der Gesetzwerdung gesagt", empörte sich Rohrer: "Man kommt in Österreich auch offensichtlich ohne all das durch."

Unschärfe als politisches Ziel

Ja, tut man, und es beschert einem auch ein beschaulicheres Leben bis zur Wahl als die konfrontative Abarbeitung von komplexen, polarisierenden Themen, bestätigte market-Meinungsforscher Werner Beutelmeyer: "Unschärfe ist das politische Ziel des Wahlkampfs. Die Strategie dahinter ist ja der Faserschmeichler." Es gelte, den "zunehmend flüssigeren Meinungsstrom" möglichst unbeschadet durchzutauchen und möglichst keine Fehler zu machen.

Fischer werde derzeit von der Welle der öffentlichen Stimmung stärker getragen als Ferrero, darum rechnet Beutelmeyer mit einem "Start-Ziel-Sieg" für den SP-Mann.

"schnell, effizient und kompetent"

Das sieht Monika Bleckmann, Sprecherin der Sahara-Geiseln und Mitglied des Ferrero-Waldnerschen Unterstützungskomitees, naturgemäß anders: "Es ist ein Persönlichkeitswahlkampf, und die Frau Außenministerin hat das, was für das Präsidentenamt wichtig ist: Sie kann in Krisenzeiten schnell, effizient und kompetent handeln." Außenpolitische Erfahrung, gepaart mit "Menschlichkeit und Wärme" seien ideale Anforderungskategorien für die Hofburg, pries Bleckmann das "10-Punkte-Programm" der schwarzen Präsidentenanwärterin.

Diese Pläne Ferreros für die "Hofburg neu" überzeugten Kabarettist Andreas Vitásek nicht so ganz: "Das klingt wie so ein komisches Einkaufszentrum, wo man ein- und ausgeht, aber sie ist eh nicht da, weil sie ja 70 Prozent im Ausland sein will."

"anstrengende Tante" gegen "netter Onkel"

Den Rest der amtlichen Wahlkampfbekundungen der beiden Kandidaten empfand Vitásek vor allem "am Anfang als relativ langweilig, weil an der Oberfläche. Keiner wollte ein Risiko eingehen. Interessant, dass Ferrero-Waldner sich an der Oberfläche besser bewegt. Das ist halt ihres", ätzte Vitásek. Er schonte aber Fischer auch nur bedingt: "Er musste das Spiel mitmachen und dann wurde es peinlich - wenn er das gemacht hat, was ihm die Berater halt gesagt haben." Etwa der wohldosierte Einsatz der Hände beim TV-Duell. Wo doch der Inhalt seine Stärke sei und gekonnt ausgespielt wurde, meinte Vitásek. Und beklagte zugleich die Qual der Wahl aus nur zwei Alternativen, die sich so umschreiben ließen: "Zur Wahl stehen eine ein bisschen anstrengende Tante und ein ganz netter Onkel", meinte Vitásek.

""underinformed und overnewsed"

Erschwerend komme bei dieser Wahlverwandtschaft dazu, dass es sich zwar um eine "ganz, ganz wichtige Sache handelt - nur sehen die Österreicher das nicht so", weil sie von "Politik und dem Reizwort Politiker" schon einigermaßen angeödet sind, gab Meinungsforscher Beutelmeyer zu bedenken: "Niemanden interessiert der Wahlkampf sonderlich." Querbeet sei die p.t. Wählerschaft so etwas wie "underinformed und overnewsed". 15 Prozent der Wahlbeteiligten oder 900.000 Personen wissen noch nicht, wen sie wählen wollen - den als idealtypischen "Gralshüter der Verfassung" empfundenen, "care"-Typen Fischer oder die mit "drive" assoziierte, für Internationalität und Modernität stehende Ferrero, sagte Beutelmeyer.

Weder fürsorglich noch fahrig wünscht sich Politologe Peter Filzmaier den neuen Hofburg-Herrscher: "Ich wünsche mir einen starken Präsidenten. Österreich ist ein semipräsidentielles System mit einem starken Bundespräsidenten. Aber irgendwie haben wir in den letzten Jahren immer Pech gehabt - Kirchschläger war zu notariell, Waldheim zu isoliert und Klestil politisch nicht sonderlich talentiert", lautete Filzmaiers Diagnose. "Stark" müsse der oder die Neue in der Hofburg sein.

Und bitte dezent, insinuierte Anneliese Rohrer mit ihrer Jobdescription für die Staatsspitze: "Ich will, dass nach drei Amtszeiten mit nichts als Trouble in der Hofburg endlich eine gewisse Art von Befriedung einzieht." (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2004)

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