Wirtschaftsforscher: Preise werden nur langsam steigen

11. Februar 2005, 15:40
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Druck auf Löhne erwartet - Gefahr der Ausdünnung bei qualifizierten Arbeitskräften

Tallinn - Entgegen den Befürchtungen vieler Bürger in Estland und in den beiden anderen baltischen Republiken Lettland und Litauen erwarten Wirtschaftsforscher nur eine langsame Anpassung des Preisniveaus an westeuropäische Länder. Am relativ schnellsten dürften internationale Markenprodukte teurer werden. Mit dem graduellen Anstieg der Preise wächst aber auch der Druck auf die Löhne, die derzeit fünf bis sechsmal niedriger sind als etwa beim nördlichen Nachbarn Finnland.

Ein sprunghafter Anstieg der Preise sei gar nicht möglich, meint etwa Marje Josing, Direktorin des estnischen Wirtschaftsforschungsinstituts EKI, zuerst müssten sich die Produktivität und die Struktur des Arbeitsmarktes ändern. "Bei Dienstleistungen und Produkten aus heimischer Produktion wird es Jahre dauern", sagte Josing im Gespräch mit der APA. Relativ schnell werden ihr zufolge dagegen die Preise bei internationalen Markenartikeln anziehen.

"Löhne müssen sich anpassen"

Gleichzeitig sieht sie einen zunehmenden Druck auf die Löhne: "Die Löhne müssen sich anpassen, wir sind nahe bei Finnland und Schweden und dort betragen die Löhne das Fünf- bis Sechsfache." Den westlichen EU-Staaten attestiert sie eine Doppelstrategie: "Einerseits versuchen die alten europäischen Länder gegenüber ausländischen Arbeitskräften dicht zu machen und andererseits suchen sie mit Nachdruck nach qualifiziertem Personal", sagt Josing und berichtet von häufig stattfindenden Rekrutierungskampagnen für qualifizierte Arbeitskräfte in Estland, unlängst etwa von der skandinavischen Fluglinie SAS in einem nahe gelegenen Luxushotel.

Weil aber die Löhne in Estland derzeit wesentlich geringer sind als in Westeuropa, sieht die Wirtschaftsforscherin die Gefahr eines "Brain Drain" - einer spürbaren Abwanderung vor allem von gut bezahlten, hoch qualifizierten Arbeitskräften: Ärzte, Facharbeiter, Wissenschafter. Einen Teil der Schuld gibt sie der Politik: "Estland hat das Image eines Billiglandes in Bezug auf die Löhne". Aufgabe des Staates müsse es sein, ein anderes Argument zu vermitteln, um weitere Investoren ins Land zu holen. Außerdem funktioniere es schon jetzt nicht mehr: "Viele Firmen verlagern bereits ihre Produktion weiter nach Fernost, nur wenige Jahre nachdem sie hierher gekommen sind", berichtet Josing.

Die derzeitige Arbeitslosenrate von acht bis neun Prozent in Estland wird nach Josings Einschätzung in den kommenden Jahren nicht wesentlich steigen. Die Kombination von anhaltenden Investitionen, vor allem aus den beiden Ostsee-Nachbarländern Finnland und Schweden, sowie der wegen des starken Lohngefälles zu erwartenden Abwanderung von Arbeitskräften in die EU-Länder würden die Arbeitslosenzahlen in Schach halten, so die Wirtschaftsforscherin.(APA)

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