Pressestimmen: "Feigheit vor dem Terror?"

20. April 2004, 23:23
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Al Sadrs Ankündigung die spanischen Truppen zu schonen, erschwert Spanien den Charakter der Entscheidung zu "vermitteln"

Madrid/London/Rom/Frankfurt - Der spanische Truppenabzug aus dem Irak ist am Dienstag Gegenstand zahlreicher internationaler Pressekommentare:

El Pais, Madrid

"Dass die USA sich über den Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak nicht freuen würden, war abzusehen. Der Aufruf eines schiitischen Religionsführers, die spanischen Soldaten im Irak nicht mehr anzugreifen, macht es für die Spanier noch schwieriger, den Charakter ihrer Entscheidung zu vermitteln. Dabei hatte Madrid sich in völlig unabhängiger Weise für den Rückzug entschlossen, weil der Krieg im Irak illegal war und die Krise in einer desaströsen und nicht-multilateralen Art angegangen wurde. Spanien hat nun ein Image-Problem in den USA. Dies darf nicht unterschätzt werden. Aber Spanien steht nicht allein da."

The Times

"Senor Zapateros unsinnige Entscheidung, 1300 spanische Soldaten abzuziehen, ist gegenüber den Aufständischen genau das falsche Signal zur exakt falschen Zeit. (...) Die Situation im Irak ist zwar gespannt, aber nicht so unsicher wie zu Anfang des Monats, als die Gewalt ausbrach. Eine harte Antwort des US-Militärs und der Einfluss einiger moderater schiitischer Kräfte haben geholfen, die Ordnung wiederherzustellen. Spaniens unehrenvoller Abgang aus dem Irak ist enttäuschend, aber er wird die notwendige Arbeit nicht verhindern, um dem Irak zumindest die Chance für eine bessere Zukunft zu geben."

Neue Zürcher Zeitung

"Allerdings scheint der Blickwinkel der neuen spanischen Regierung etwas eng und einzig auf das eigene Publikum fixiert zu sein. Offenbar hat Zapatero in den Wochen der Amtsübergabe den Wandel vom Kandidaten, der bis zu den verheerenden Bombenattentaten in Madrid drei Tage vor den Wahlen kaum ernsthaft mit dem Sieg rechnen konnte, zum Regierungschef nicht ganz vollzogen. Als solcher kann er nicht mehr nur die Wählerstimmen und seine eigene Interpretation des Volkswillens berücksichtigen, sondern müsste auch einige nicht ganz unwichtige außenpolitische Implikationen seines Entscheids bedenken."

Frankfurter Rundschau

"Es war für Spaniens neuen Regierungschef nur ein kleiner Schritt vom Wahlversprechen zur normativen Kraft des Faktischen: Kaum vereidigt, verlässt er die 'Koalition der Willigen' unter US-Kommando, die sein Vorgänger gegen den Willen der Mehrheit spanischer Bürger mit angeführt hat. Der Rückzug der Spanier aus dem Irak, ein falscher Schritt, Ausdruck der 'Feigheit vor dem Terror'? Aus den Reihen der Ex-Koalitionäre, der australischen oder italienischen Regierung etwa, kommt solch simplifizierende Kritik. (...) Zapateros Rückzugsorder ist kein naiver Aktionismus eines Regierungsneulings, sondern klare Botschaft: Engagement ja, aber eines, das friedenstauglich ist."

Corriere della Sera

"Man sagt, der Irak ist für die USA ein neues Vietnam. Aber es ist viel schlimmer. In Vietnam war der Krieg stets zwischen zwei Streitkräften, und die USA wurden von Südvietnam unterstützt und unterstützten es wiederum selbst. Im Irak haben die Amerikaner dagegen nicht einmal vertrauenswürdige Gesprächspartner. Wenn sie schießen, verschlimmern sie die Situation; aber in der Zwischenzeit wird selbst auf sie geschossen. Und dem Terrorismus gelingt es, alle im Land zu terrorisieren, einschließlich der einheimischen 'Kollaborateure', ohne die die Iraker doch nur dabei enden würden, zu verhungern oder sich untereinander umzubringen." (APA/dpa)

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