Improvisation im Irak

27. April 2004, 17:53
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Bremers markige Ankündigung einer "Aktion scharf" verrät ein gerüttelt Maß an Nervosität - von Christoph Winder

Bildlich gesprochen hat Paul Bremer, der US-Zivilverwalter in Bagdad, am Sonntag heftig mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Mit der Ankündigung einer militärischen "Aktion scharf" gegen alle Aufständischen, vor allem in Falluja und Najaf, will Bremer einem rasant um sich greifenden Gefühl der Unsicherheit begegnen, an dem auch ein Großaufgebot privater Sicherheitsdienste nur noch wenig ändert. Gute zwei Monate vor der geplanten Souveränitätsübergabe am 30. Juni ist der Wiederaufbau ziviler Strukturen im Irak massiv gefährdet.

Bremers markige Ankündigung verrät ein gerüttelt Maß an Nervosität in der US-Regierung. Sie hat guten Grund dafür. Mit 700 Toten hat die Anzahl der im Irak gefallenen Amerikaner am Wochenende erneut eine symbolische Schwelle überschritten. Die Medien sind voll mit Berichten über verzweifelte Hinterbliebene. Spanien hat angekündigt, dass es seine Soldaten sofort abziehen und nicht wie ursprünglich angekündigt auf eine mögliche neue UN-Resolution warten wird. Militärisch ist das ein Verlust, den die Amerikaner verschmerzen können, symbolisch bedeutet er eine empfindliche Schwächung der "Koalition der Willigen". Zu allem Überdruss lässt der demokratische Wahlkämpfer John Kerry keine Gelegenheit aus, aus vollen Rohren gegen die Irak-Politik von George W. Bush zu schießen, die er zuletzt als "atemberaubend ineffektiv" charakterisiert hat.

In seiner Zwangslage setzt Bush auf ein schwer durchschaubares Potpourri möglicher Gegenmittel. Mal wird signalisiert, dass die UNO eine größere Rolle spielen sollte, dann wieder verspricht man sich von einem wuchtigen Einsatz militärischer Mittel das Heil. All das zeigt, dass das US-Handeln im Irak nicht von einer gut durchdachten Langzeitstrategie, sondern von einem notdürftigen Dahinimprovisieren diktiert wird. Nicht eben die beste Werbung für die Befriedung eines Landes, das einst zu einem Pilotprojekt im Mittleren Osten werden sollte. (DER STANDARD, Printausgabe 20.4.2004)

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