Kommentar: Wohl bekomm's!

27. April 2004, 17:31
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In Feld und Stall hat nur Platz, was laufend höhere Erträge bei geringerem Risiko bringt

Man kann natürlich auch zur Arche Noah gehen: Dieser rührige Verein bietet Saatgut alter Landsorten von Obst und Gemüse - Samen mit einem Stammbaum aus einer Zeit, als man von Gentechnik noch keine Ahnung hatte. Sichere, wenn auch nicht besonders ertragreiche Pflanzen für Selbstversorger mit Garten oder Balkon.

Das sind natürlich Insellösungen: Unsere Gesellschaft ist längst keine der Selbstversorgung mehr, die Agrarquote ist zu einer Restgröße geschrumpft, das Essen kommt aus dem Supermarkt. Wie und in welcher Qualität es dorthin kommt, blenden wir gerne aus - gerade weil auf dem Markt nur mit optimierten Kosten produzierte Ware bestehen kann.

Das heißt, von ökonomischen in agronomische Kategorien übersetzt: In Feld und Stall hat nur Platz, was laufend höhere Erträge bei geringerem Risiko bringt. "Pflanzenschutz" heißt, was unsereins eher unter Gift einordnen würde - und ein aktueller EU-Bericht zeigt, dass die Kontrolle dieser Substanzen hierzulande eher lasch ist. Beim Tierschutz gibt es fundamentale Gegensätze zwischen dem, was die (unter enormem Kostendruck stehenden) Bauern ertragen können - und was Tierschützer für Tiere für erträglich halten.

Schließlich die Nahrungsmittelindustrie: Hier ist bekannt, dass man mit Gentechnik nicht nur auf dem Feld (also bei neuen Pflanzen aus dem Labor), sondern vor allem in der Verarbeitung (etwa mit gentechnisch aufgerüsteten Hefe-, Bakterien- und Pilzkulturen) noch enorme Produktivitätsfortschritte erzielen könnte. Das mögen die Konsumenten aber nicht so gern. Man stelle sich vor: Ein Lagerbier, das nicht durch Lagerung, sondern durch eine flinke, gentechnisch veränderte Hefe in wenigen Minuten statt vieler Wochen reift - würde das jemand saufen wollen? Wer weiß? Vielleicht: Wenn man's nicht weiß! Aber deswegen gibt es ja eine neue Kennzeichnungspflicht: Wenn man auf dem Etikett erfährt, was da im Spiel war, kann man die Ware ja stehen lassen.

Und das Problem in die richtige Relation setzen: Trotz all dieser wenig appetitlichen Entwicklungen sind die Lebensmittel heute sicherer und ist die Lebenserwartung der Konsumenten höher als je in der Geschichte. Gesundheitsgefahren gehen immer weniger vom Essen selbst aus als von der schieren Menge, mit der wir uns überfressen. Wohl bekomm's! (Conrad Seidl/DER STANDARD; Printausgabe, 19.4.2004

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