Der krachende Opernverlauf

18. April 2004, 19:31
posten

Uraufführung von "Zwischenfälle"

Korneuburg - "Es ist gefährlich, über alles nachzudenken, was einem gerade in den Kopf kommt", entfährt es Daniil Charms, eigentlich Daniil Iwanowitsch Juwatschow (dramatisch das Bühnengeschehen kommentierend: Dieter Kschwendt-Michel). Dem Dichter, dessen eisige Gedankengänge die Textbasis der Kammeroper Zwischenfälle bilden, entfährt im Opernverlauf noch viel, übrigens nicht nur aus dem Mund.

Doch wären die skurrilen Ideen nur regiemäßig (Leonard Prinsloo) in adäquate Bahnen gelenkt worden! Vor allem gegen Schluss. Aber man lässt es doch lieber krachen. Andererseits: Warum soll es auf der Bühne nicht genauso martialisch zugehen wie im Leben, diesem Albtraum aus Anschlägen und fundamentalem Starrsinn. Zu den Grundlagen der Zivilisation, die Ideale wie Freiheit, Menschenrechte und Weltfriede vor sich herträgt, gehört auch eine brutale Geschichte von Folter, Mord und Blut.

Man hätte denn auch die Welt hinter der Maske der Kultiviertheit porträtieren können. Immerhin: Christoph Coburger (Komposition und Libretto), Jahrgang 1964, bohrt mit dem "lyrischen Musikdrama" (Auftragswerk der Neuen Oper Wien) in den schwärzesten menschlichen Abgründen. Musikalisch war das Orchester gemäßigt modern unterwegs bei der Suche nach den Resten abendländischer Tonbildungen: Violoncellosolo hier, Jazzanklänge da, Vierteltonglissandi dort. Live-Elektronik half bei der Generierung der Geräusche.

Auch die Sänger, allen voran Annette Schönmüller als Magdalena, Roman Bisanz als Arzt und Johann Leutgeb als Nastassja sowie die drei Grazien Lisa Henningsohn, Özlem Özkan und Alice Rath, erhalten in ihren Bemühungen, überholte psychoanalytische Begriffe schreiend zu artikulieren, elektronische Verstärkung.

Das Amadeus Ensemble Wien unter Dirigent Walter Kobéra setzte auf Klangfülle und Präzision, hätte aber bisweilen durchaus einige Grade leiser unterwegs sein können. Keine Frage: Die Welt braucht fürs Überleben der Gattung endlich wieder eine ambivalent zu diskutierende, dramatische, durchaus auch krachende Handlungsoper. Dieses Exemplar braucht sie wohl eher nicht. Daran ändern auch die guten Sänger und der technische Aufwand nichts. Bravos und Buhs hielten sich übrigens die Waage. (Beate Hennenberg/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 4. 2004)

Termine: 22. bis 24. 4., Beginn 20 Uhr. Alte Werft Korneuburg, Am Hafen 6. Tel.: (02732) 90 80 30
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.