Was die Leut' alles wegschmeißen!

22. April 2004, 23:07
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Nicht nur in Krimis kann man über verdächtige Leute eine Menge lernen - Thomas Rottenberg machte die Probe aufs Exempel.

Nicht nur in Krimis kann man über verdächtige und unverdächtige Leute eine Menge lernen, wenn man sich ihren Müll vornimmt. Thomas Rottenberg machte die Probe aufs Exempel.

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Im Fernsehen sieht das immer sehr professionell aus: Der Kommissar oder irgendeines dieser coolen CSI-Supermodels, denen man jahrzehntelange Polizeierfahrung an keiner einzigen Falte ansieht, beugt sich über einen Berg Zeug, fasst (gummibehandschuht) hinein und sagt: "Ah, was haben wir denn da?" Und anhand einer Hand voll aus dem Mistkübel gezogener Teile erfreuen sich Ermittler und Publikum kurze Zeit später gleichermaßen an komplexen Persönlichkeitsprofilen, fein ziselierten (Konsum-) Verhaltens- und Ernährungsdaten und vor allem bis ins Intimleben reichenden Erkenntnissen über Vorlieben, Laster und Gewohnheiten der Beobachteten. Außerdem gibt es im Müll meist auch DNA-Samples. Und die kann man immer brauchen.

Müllsack entführen

Dass Nette an der Sache: Sie funktioniert tatsächlich. Und man muss gar kein bestens ausgebildeter Cop sein, um aus Müll eine Menge herauslesen zu können. Der Versuch (Setting: den Müllsack eines Bekannten entführen, ausleeren, aufschreiben, was drin ist, ein oder zwei Fotos machen und einen Dritten bitten, sich draus einen Reim zu machen) beweist das. Einzig der DNA-Test muss - know-how-bedingt - den Profis überlassen bleiben.

Konfrontation

"Zwei Personen. Vermutlich ein heterosexuelles Paar. Nicht arm, konsumorientiert", erklärte der mit dem derart vorgelegten Testmüll konfrontierte Testermittler spontan angesichts eines Berges benutzter Abschminkpads, zweier leerer Hautcremetiegel (einmal für ihn, einmal für sie, zweimal teuer), Zahnseideresten (Hallo, DNA-Probenzieher!), teuren Einwegrasierklingen samt Karton einer Nachfüllpackung und Zahnaufhellungsstreifen.

Müllliste

Außerdem, so der "Ermittler", dürfte "einer kurzsichtig sein. Er oder sie trägt Eintageskontaktlinsen. Vielleicht rauchen beide, vermutlich aber nur die Frau - da sind Lippenstiftspuren. Außerdem dürften sie Bekannte mit Kindern haben oder größere, an Feiertage gebundene Schenkverpflichtungen." Schließlich stand auf der Müllliste "sechs Milka-Osternester-Cellophanverpackungen", gleichzeitig fehlten Schokoladenpapier oder andere Hinweise darauf, dass die Naschereien hier verzehrt (oder angebrochen) worden sein könnten, auf Liste und Fotos. Der Haushalt, schloss der Tester, sei wohl kinderlos. Das erkenne er an der geringen Zahl von Milchpackungen: ein einziges Halbliterpackerl Bioleichtmilch. Dafür gab es etliche Aluminiumkapseln einer Espressokaffeemaschine ("Die haben genug Geld für so einen umweltschädlichen Unfug, tun aber bei Jogurt-, Gemüse- und Obstkauf auf Öko, - das sagen mir die Ja-Natürlich-Verpackungen").

Keine Kinder

Gegen Kinder spräche auch, dass lediglich ein feuchtes, zusammengefaltetes Stück Zeitung (STANDARD, 2. 4. 2004, Sportteil) erzählte, dass in dieser Wohnung überhaupt gekocht werde: In der Zeitung fanden sich Stängel von "irgendeinem Grünzeug, vermutlich Petersilie", Kartoffel-und Knoblauch- oder Zwiebelschalen. "Aber zu wenig für eine ganze Familie. Die scheinen nicht oft zu Hause zu essen und viel auszugehen." Sonst würden auch kaum Reis, Polenta und Kokosflocken (abgelaufen und im ungeöffneten Päckchen) - im Hausmüll landen.

Mülltrennung

Da im Sack fast kein Papier zu finden war ("Die trennen Papier, aber schmeißen Batterien weg. Typisch oberflächlich-grünes Städtervolk. Passt zum Biofutterkauf und den Alukapseln."), stürzte sich der Prüfer mit Freude auf vier "hier wohl reingerutschte" Rechnungen: Billa ("das, was wir hier im Müll haben"), DM (Hygiene- und Putzartikel, "Allerweltsmarken, findet man überall, aber diese Leute sind auf die Werbung von dem superweichen Klopapier auch hereingefallen"), H&M (Herrensocken, ein Damenpulli; "eindeutig ein Heteropaar, vermutlich kauft sie ihm Socken") und Hornbach ("Wozu brauchen Städter sechs große Rollen Kaninchenzaun, Tonnen von Gaffertape und einen Bolzenschneider? Kenne ich diese Freaks?").

Einzelanalyse

Freilich: Nicht jeder Misthaufen sagt so viel über seine einzelnen Errichter aus. Und das ist kein Widerspruch dazu, dass Archäologen Konsum- und Lebensgewohnheiten ganzer Epochen auf Müllhalden und Deponien erforschen. Aber für Einzelanalysen ist jener Müllberg, den ein Wagen der Wiener Müllabfuhr vor, statt in den Tiefbunker der Müllsortieranlage am Rautenweg gekippt hat, schon viel zu groß. "Dieser Müll ist nicht mehr zuordenbar. Auch, weil die meisten Leute fast dieselben Konsummuster haben", meint Peter Frybert beinahe entschuldigend. Dabei kann er da gar nichts dafür: Frybert ist für die Öffentlichkeitsarbeit der Wiener Müllabfuhr (MA48) zuständig. Und er ist auch gerne bereit, einen Müllwagen seine fünf Tonnen - aus Platz- und Verkehrsgründen schon leicht "vorverdichteten" (also im Wagen schon zusammengedrückten) - Hausmüll zu Anschauungszwecken auf den Platz kippen zu lassen.

600.000 Tonnen Wiener Hausmüll

Normalerweise wandert der Großteil (450.000 Tonnen) der rund 600.000 Tonnen Wiener Hausmüll allerdings völlig unbeschaut ("außer dem Kranfahrer, der den Müll vom Bunker auf den Rost hebt, fällt etwas auf") in den Bunker einer Müllverbrennungsanlage und von dort ins Feuer: "Man muss darauf vertrauen, dass die Leute nicht zu viele falsche Sachen wegwerfen." Als unterstützende Maßnahme versuche man, erzieherisch einzuwirken. Mit Lob ("im Vergleich mit anderen Großstädten sind die Wiener Trennweltmeister") und der Kunst, "den Leuten ein bisserl ein schlechtes Gewissen zu machen".

Die Sache mit dem Weltmeister ist aber nicht ganz wasserdicht: Zwar werden alle vier oder fünf Jahre von der Stadt groß angelegte "Müllanalysen" durchgeführt. Aber die sind nicht international standardisiert. Dennoch sind sie vergleichbar. Und geben Aufschluss darüber, wie sich Müllverhalten und Müllmoral entwickeln.

Änderungen des Konsumverhaltens

Auch Änderungen des Konsumverhaltens ließen sich erkennen - aber Mikrozensus, Verbraucheranalysen und Konsumerhebungen sind weit präziser: Sie definieren die untersuchten Zielgruppen genauer, als ein paar schon auf der Straße gut durchmischte Fünftonnenladungen Stadtmüll. Noch dazu, wo die dann lediglich nach vier Kategorien unterschieden werden: wohlhabende oder weniger wohlhabende und dicht oder weniger dicht verbaute Gegend. "Unterschiede", erklärt Frybert, "sind da kaum messbar - eventuell wird in wohlhabenden Gebieten mehr Zeitung gelesen, aber das liegt im Promillebereich." Auch Konjunkturschwankungen würden sich nicht mehr im Müllberg widerspiegeln.

Leute hauen alles weg

"Ob reich oder arm, die Leute hauen alles weg", ergänzt einer der MA48-Männer und zeigt auf den Berg aus halb zergatschten Einkaufs- und Müllsäcken um ihn herum. In schöner Gleichmäßigkeit zeigen sie alle ein annähernd identes Bild vom Leben ihrer Vorbesitzer: Tiefkühlkartons, Einwegflaschen, Speisereste, Tschickstummel, Shampooflaschen und Zeitungen mischen sich mit zerrissenen Hemden und Handtüchern, verschlissenen Schuhen, ausrangierten Spielen oder zerdrückten Bierdosen. "Und wenn ich sag' alles, mein' ich alles", zeigt der Arbeiter auf eine Federkernmatratze, ein Bündel Parkettbretter, einen Satz Autoreifen und einige fast malerisch über eine Seite des Müllberges verteilte originalversiegelte Packungen Edelmarzipan. "Und hier haben wir auch einen ganzen Herd", zerrt er ein zerdeppertes und verbogenes, emailliertes Blech aus dem Berg, "das hätte vielleicht sogar noch wer brauchen können - auf alle Fälle gehört es nicht in den Restmüll. Und das ist nur eine Wagenladung."

Nicht unweit vom unsachgemäß entsorgten Herd zeigt Peter Frybert auf einen Topf, der aus einem Billa-Sack gerutscht ist. Der Pott ist halb voll mit Gulasch. Auch ein Teller mit einer ganzen, eingetrockneten Portion darauf liegt im Sack. Natürlich, meint Frybert, könnte man jetzt über Verschwendung philosophieren. Andererseits seien solche Funde auch beruhigend: "Solange die Leute Essen wegwerfen, wissen wir, dass es uns ziemlich gut geht." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe 17/18.4.2004)

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